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ZUVIEL AUF EINMAL – ODER WENN ICH INNERLICH DEN EREIGNISSEN NICHT MEHR HINTERHER KOMME


So ereignisreiche Tage sind nun vorbei, dass ich fast das Gefühl habe, nur staunend und wundernd daneben zu stehen. Eigentlich hätte ich vergangene Woche an einem Seminar teilnehmen sollen. Trauer bei Kindern und Jugendlichen… ich hätte mir sicherlich vieles davon für die Arbeit bei TREES of MEMORY e.V. rausziehen können. Von der Leitung krankheitsbedingt leider abgesagt, so dass das geplante Treffen am Vorabend des Seminars mit einem unserer Mitglieder in der Nähe dann leider auch nicht stattfand.

Ja, und dann überschlugen sich die Ereignisse. Die Zahlen der mit Corona Infizierten stiegen rasant, plötzlich kam alles, kam ich selbst wieder ins Wanken. Mein Geburtstag stand bevor, und zum ersten Mal nach sechs Jahren, das erste Mal nach dem Tod meines Sohnes, konnte ich mich dazu überwinden und entschied mich, den runden Geburtstag als Anlass zu nehmen, den engsten Familienkreis einzuladen. Um mit meinen Lieben zusammen meinen letzten Tag mit der 4 vorne dran zu feiern… für mich ein Kompromiss, da es ja nicht direkt mein Geburtstag war. Erst zwei Tage vor der Feier stand fest, dass ich nicht auf dem bestellten Essen sitzen bleiben würde, und die Durchführung mit der geplanten Personenzahl sein darf. Ab dem nächsten Tag wäre das nicht mehr möglich gewesen, auf Grund der verschärften Regeln. Verschieben wäre auch nicht gegangen. Weil eigentlich das folgende Wochenende eh nicht zum Feiern frei gewesen wäre. Denn ich würde mich ja nun gerade mit einigen von uns in Freiburg befinden, auf der Messe. Eigentlich… Es waren gemischte Gefühle, die über mich hereinbrachen. Es war wirklich schön, meine Familie so versammelt, um mich zu sehen. Und ich war überwältigt von allen, die an mich dachten, die gratulierten, die am Geburtstag selbst so nacheinander vorbeischauten. Mir war jedoch in jedem Moment bewusst, das mir ein Mensch ganz furchtbar fehlte. So, wie es mir immer bewusst ist. Dieses gleichzeitig freuen, überwältigt sein und dann doch die Sehnsucht nach meinem Kind, das war emotional ganz schön viel auf einmal.

Zehn Tage vor unserem Antritt der Reise nach Freiburg kam die Nachricht, dass die komplette Messe LEBEN UND TOD nur virtuell durchgeführt werden kann. Corona machts möglich… und vor allem nötig. Also wieder mal alle gebuchten Zimmer stornieren (ich glaube, das war das fünfte Mal dieses Jahr, dass ich das für uns tun musste), schauen, inwiefern wir eben virtuell und digital als Aussteller bei der Messe dabei sein können.

Nebenher schauen, ob und wie meine Feier durchführbar sein wird. Das gelang ja zumindest, zum Glück. Da sich die Vorschriften, neue Regelungen und Beschlüsse bezüglich COVID19 jedoch täglich änderten, hat mich das echt zusätzlich noch total unter Stress gesetzt. Wir planten vorbildlich. So dass Mario zuerst nach Heidelberg fahren und dort zwei Bäume der Erinnerung pflanzen sollte, von dort weiter nach Ellerstadt, um ebenfalls einen Baum zu pflanzen, und dann direkt am Folgetag weiter nach Freiburg zur Messe. So der Plan... letztendlich hat Mario die Bäume in Heidelberg gepflanzt und fuhr dann zurück nach Berlin. Zu unsicher, zu unübersichtlich die Regelungen in den verschiedenen Landkreisen. Wir waren nicht sicher, ob er überhaupt nach Rheinland-Pfalz hätte reisen dürfen. So kam ich zu der Ehre, die Baumpflanzung in Ellerstadt zu übernehmen. Und ich tat dies gerne. Auch in der Hoffnung, ein klein wenig Licht und Zuversicht bei den Angehörigen und Freunden des Verstorbenen aufzeigen zu können.

So schrieb ich also direkt nach meinem Geburtstag die Rede für die Baumpflanzung und war am Folgetag deshalb den ganzen Tag unterwegs. Es tat gut, die Familie, mit der ich nun auf Grund der Planung für die Pflanzung über viele Wochen im Kontakt und Austausch stand, persönlich kennenzulernen. Und auch noch besser das Gefühl dafür zu bekommen, wie ihr verstorbener Sohn zu Lebzeiten war, was er tat, was er dachte. Es war auch für mich ein anstrengender Tag, gerade auf emotionaler Ebene. Hin spüren, wahrnehmen, damit umgehen. Und trotzdem war es ein wertvoller Tag, der mir vieles von dem, was ich investierte, zurückgab.

So hatte ich dann nur den Donnerstag, um meinen Vortrag für die Messe LEBEN UND TOD auszuarbeiten. Dieser ist komplett neu, da der Titel lautet: „Miteinander sprechen statt tabuisieren – Suizid beim Namen nennen“. Fünfeinhalb Stunden am Stück hatte ich dann daran gearbeitet, Zeit für das Erstellen einer Präsentation hatte ich nicht. Was soll ich sagen… ich hadere mit der digitalen Durchführung. Man sieht keine Zuhörer, hat keine Ahnung, ob die Aufmerksamkeit derer nachlässt oder ob sie interessiert dabei bleiben und das Gesagte aufnehmen. Mit einer PowerPoint Präsentation kann ich ganz frei vortragen, da ich den Faden so nicht verliere. Da muss ich nur ab und an auf die jeweilige Folie schauen und weiß, was zu sagen ist. Jetzt hatte ich keine… und mir blieb nichts anderes übrig, als den Vortrag zum Teil abzulesen, damit ich genau in der Zeit bleiben würde und alles drin haben würde, was reingehörte. Ich war also unsagbar nervös (was mir nie so geht, wenn ich die Leute vor mir sehe), hatte Panik, den Faden zu verlieren, und konnte danach ja auch nicht gleich auf Fragen eingehen. Was soll ich sagen: Ich habe es geschafft. Auch wenn ich selbst wirklich unzufrieden und kritisch bin. Die anschließenden Reaktionen waren wohlwollend und positiv, womit ich so nicht gerechnet hatte. Aber wahrscheinlich schlage ich die Hände über dem Kopf zusammen, wenn ich den Vortrag dann in den kommenden Tagen selbst sehe, sobald er online auf der Webseite der Messe sein wird. So bin ich eben… und kann das wohl nie ganz ablegen.

Am Abend des ersten Messetages durfte ich dann noch über Zoom an der „Berlin-Bonn-Bohana-Bar“ dabei sein. Bohana ist ein Netzwerk, dass es noch nicht lange gibt. Aber ein ganz tolles. Wir sind mit dabei im Netzwerk, und reinschauen lohnt sich. Es war eine angenehme Runde, ein guter Austausch und wirklich schön, einmal ein paar Gesichter zu sehen, die Teil dieses Netzwerkes sind. Es fand das statt, was eigentlich auf der Messe in Freiburg hätte sein können: das direkte miteinander reden und austauschen mit anderen. Schaut gerne mal rein, wer in diesem Netzwerk so vertreten ist www.bohana.de .


Nun ist alles vorbei… Der Geburtstag, die Baumpflanzung, die Messe inklusive meines Vortrags. Zuviel auf einmal, ich kann alles noch gar nicht richtig greifen. Ich hinke meinen Emotionen hinterher, brauche noch etwas, um das alles sacken lassen zu können. Und bin eigentlich schon wieder mittendrin in der ToDo-Liste. Weitere Baumpflanzungen sollten organisiert werden, und sofern uns kein erneuter Lockdown ereilt, steht am zweiten Novemberwochenende unsere Mitgliederversammlung in Frankfurt an. Dafür ist auch noch einiges zu tun, so dass ich vor der Herausforderung stehe, das Vergangene der letzten Tage innerlich wirklich zu verarbeiten und gleichzeitig nach vorne zu schauen um anstehende Dinge in die Tat umzusetzen. Eigentlich so, wie seit fünfeinhalb Jahren… aufzupassen, dass ich mich zwischen dem Gestern und dem Morgen nicht verliere. Klar, Corona wirbelt zusätzlich vieles durcheinander, bringt Unsicherheit in unser aller Leben. Meine Konstante fehlt momentan, Dinge, die mir Halt geben, sind unsicher geworden. Es lässt mich unsicher zurück, welcher Weg zu gehen ist. Da sich täglich etwas zu ändern scheint, ich mich noch gar nicht richtig damit auseinandersetzen kann, bevor schon wieder etwas Neues gilt. Das macht etwas mit mir. Und gerade deshalb hoffe ich, dass wir alle gut durch diese Zeit kommen. Passt auf Euch auf…