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Zurück ins Leben finden, geht das?

  • vor 3 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Text von Sonja



Sind wir nicht immer mal wieder verzweifelt bemüht, ins Leben zu finden? Ins ganz normale Leben? In das Leben, das wir geführt hatten, bevor sich ein geliebter Mensch das Leben nahm?

Selbst wenn dieses Leben nicht perfekt war – und das war es ganz sicher nicht –, so war es doch von etwas getragen, das einem gar nicht bewusst war. Es war so selbstverständlich wie die Schwerkraft  - einfach vorhanden: ein gewisses Grundvertrauen, eine Unbekümmertheit und eine fast naive Überzeugung, dass das Leben morgen im Wesentlichen so weitergehen würde wie heute.

Auch mein Leben war nicht perfekt. Ich klagte über zu viel Arbeit und kleinere Reibereien mit der Familie, machte mir Sorgen über dieses und jenes. Manchmal fühlte ich mich vom Schicksal benachteiligt oder gar von der Welt verlassen.

Doch wie verlassen man sich tatsächlich fühlen kann, wie unerbittlich das Schicksal zuschlagen kann, erfuhr ich erst durch den Suizid meines Bruders.

Alles, was ich vorher für Leid gehalten hatte, erschien mir plötzlich nichtig, regelrecht kindisch. Es waren ja nur Sorgen, Ärgernisse und Kümmernisse größere und kleinere Krisen des Alltags gewesen.

Nun aber türmten sie sich auf; die Monsterwellen aus Angst, Schmerz, Vermissen. Sie rissen mich von den Beinen. Hielten mich tage-, wochen-, monatelang unter Wasser. Mir war, als müsste ich all meine Kraft aufwenden, nur um den Kopf kurz über die Oberfläche zu heben und Luft zu holen.

Es ging nicht mehr darum zu Leben. Es ging nur noch ums Überleben.

Aufstehen. Atmen. Funktionieren.

Einen Tag nach dem anderen.

Irgendwann hatten sich die gewaltigen Wellen ausgetobt. Ich spürte wieder Boden unter den Füßen. Wie Treibholz war ich an scharfe Klippen geschleudert worden. Nicht zerschmettert, aber auf einer kahlen, einsamen Insel gelandet. Allein mit all den bohrenden Fragen nach dem Warum. Mit den wütenden Vorwürfen, was ich alles falsch gemacht hatte. Und ich stand vor der Aufgabe, weiterzuleben, in einer Welt, in der nichts mehr Sinn ergab. 

Auf dieser unwirtlichen Insel konnte und wollte ich nicht bleiben.

Also begann ich, mich ins Leben zurückzukämpfen.

Vielleicht kennt auch ihr diese Hoffnung: Man müsse nur lange genug durchhalten, nur stark genug sein, sich nicht umwehen lassen, dann würde alles wieder so werden wie früher. Auch ich erlag dieser Illusion. Ich dachte wenn ich es wieder ins normale Leben schaffe, dann, ja dann könnte ich den Schmerz umgehen und den Fragen entkommen. Manchmal wollte ich mir und anderen beweisen wie „weit“ ich mit meiner Trauer gekommen war. Lange beherrschte mich die absurde Vorstellung: Wenn ich zurück ins alte Leben fände, dann könnte ich vielleicht den Faden, den der Suizid meines Bruders zerrissen hatte, wieder zusammenknüpfen. Dann würde dieser Alptraum enden.

Doch die Rückkehr erwies sich schwieriger als erwartet.

Ich suchte Verständnis, doch ich spürte nur Ungeduld. Statt Tiefgang begegnete man mir mit Oberflächlichkeit. Ich bewegte mich auf vertrauten Wegen unter vertrauten Menschen, aber ich war so sehr aus der Bahn geworfen worden, dass mich die Wege nicht mehr trugen und manche Menschen meiner schnell überdrüssig wurden. Ich blieb außen vor und wurde zum stillen Beobachter einer viel zu schnellen Welt.

So flüchtete ich freiwillig wieder auf meine karge Insel. Dort in der Stille begriff ich, dass ich das alte Leben nicht mehr finden würde. Mich selbst nicht mehr und auch nicht meinen Bruder. Erst als ich akzeptierte, dass mein altes Leben mit meinem Bruder gestorben war, konnte ich heilen und eine andere werden.

 

Mit jeder Rückkehr aus dem normalen Leben schien mir meine Insel schöner, grüner und bunter. Da wachsen Bäume voller Erinnerungen in den Himmel. Es blühen Rosen der Liebe und rosa Nelken der Dankbarkeit. Hier wächst ein Kraut voller Mitgefühl. Dort steht eine Bank zum Zuhören. Munter plätschert Wasser, das von allen falschen Schuldgefühlen reinigt, über die einst kahle Insel. Eine Hängematte lädt zum Träumen ein.

Ich will nicht mehr zurück in das normale Leben. Denn ich stehe mitten im Leben. In meinem Leben. Das ist mehr als ich je gehofft hatte.

Ich möchte euch dazu ermutigen: Haltet euch in der normalen Welt nur so lange auf, wie ihr müsst oder es euch guttut. Versucht nicht, euch unbedingt in diese alte Welt einzufügen oder hineinzubiegen. Wie oft muss man den Unterton „Du solltest doch längst darüber hinweg sein“ ignorieren? Wie oft sich artig für dumme ungefragte Ratschläge bedanken? Das ist kräftezehrend und bringt nur wenig Heilung. Es führt lediglich zu einem besseren Funktionieren und irgendwann zum Ausbrennen.

 

Wie viel nährender ist es dagegen dort zu leben und verweilen, wo ihr ihr selbst sein dürft? Wo ihr euch ohne Angst zumuten dürft?

Gestaltet eure eigene Insel, einen (inneren) Rückzugsort. Kreiert eine Oase, einen Ort, wo ihr aufatmen könnt. Teilt eure Insel mit Freunden - echten Freunden.

Ich wünsche euch viel Freude beim Gestalten! Macht einen üppigen, farbenfrohen Garten à la Hundertwasser daraus. Hier ein farbenfrohes Mosaik, dort eine bemalte Säule. Ein Bächlein plätschert munter dazwischen. In der runden Ecke wachsen die Bäume der Dankbarkeit, der Demut, der Freude und der Liebe in den Himmel.

 

Vielleicht sollte die Frage also nicht heißen, „zurück ins Leben finden?“, sondern vielmehr „Vorwärts hinein ins eigene Leben springen.“

 

Versucht es – gestaltet, werdet kreativ für und mit dem, der fehlt.

    


 
 
 

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