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WAHRNEHMEN, ÜBERWINDEN UND AKZEPTIEREN - ODER „BIS ZU EINEM GEWISSEN PUNKT IST ALLES MÖGLICH“


Es hatte mich nach den Aktionstagen, die wir zum Welttag der Suizidprävention auf die Beine stellten, dann wirklich einige Zeit gekostet, um durchatmen zu können. Der immense Druck war abgefallen, die Anspannung weg. Eine Auszeit, die zu Anfang noch gespickt war mit einkommenden Mails, die dann weitergeleitet werden mussten, Dinge delegiert gehörten, um wirklich abschalten zu können. Ich merkte, wie mich an einem Vormittag ein Ausflug in eine Stadt total unter Stress setzte und beschloss nachmittags dann die Wanderung zu einem Wasserfall zu unternehmen. Dabei bin ich dann wieder über mich hinausgewachsen. Nicht, weil der Weg dorthin zu weit war, sondern anspruchsvoll. Und ich, den Wasserfall schon fast vor Augen, wirklich überlegen musste, wie ich diesen Abstieg heil hinbekommen würde oder ob umzudrehen nicht besser wäre. Ja, das wäre einfacher gewesen. Aber nicht besser. Ein tiefes Durchatmen, dann kämpfte ich mich über den schmierigen, steilen Weg zum Wasser, dabei auch über Felsen kletternd. Noch nicht wissend, wie ich da überhaupt später wieder diesen Abhang nach oben kommen sollte. Der Anblick hat des Wasserfalls, das Geräusch des hinabstürzenden Wassers und die Kälte des Baches um meine nackten, müden Füße hat all die Qualen und Zweifel vergessen lassen. Es tat einfach nur gut und ich habe mich selbst wieder ein Stückchen gespürt.

Obwohl ich in diesen Tagen der Auszeit meine Müdigkeit (vor allem meine seelische) wahrnahm, lief ich dennoch jeden Tag irgendwo auf Bergen, durch Wälder und auf breiten Wanderwegen. Ich lief die Müdigkeit aus mir heraus. Mal mit meinem Mann, mal ganz allein, und einmal auch mit meiner Tochter, die plötzlich als Überraschungsgast vor unserem Hotel auf uns wartete. Ihr Besuch war genau das, was meinem Wohlseins-Gefühl noch gefehlt hatte. Und ich war zu Tränen gerührt, sie zu sehen. Mit ihr gemeinsam unternahm ich die letzte Wanderung des Kurzausflugs. Auch diese nicht wirklich von extremer Entfernung, aber es fühlte sich auch hier wieder als Herausforderung an. Schmale Spur über Wurzeln, Felsen und konstanter Aufstieg. Mit grandiosem Panoramablick. Bis zum Gipfelkreuz habe ich es nicht geschafft. Ich war mir meinen eigenen Grenzen bewusst. Und diesmal war klar, dass ich weder heil ganz hinauf oder heil wieder herunterkommen würde. Die eigene Angst, die der Höhe, kann ich bis zu einem gewissen Grad in Schach halten. Ganz bezwingen jedoch nicht. Also wartete ich unterhalb an einem Felsen des Gipfelkreuzes und beobachtete, wie meine Tochter die Leiter hinaufkletterte (nicht ohne dass mir beim zuschauen schwindelig wurde) und einige Zeit später auf dem furchtbar schmalen Wanderweg am steilen Abhang wieder zurück kam. Ich hatte nicht das Gefühl, versagt zu haben, weil ich, das Ziel vor Augen, dieses nicht erreichte. Ich war zufrieden mit mir selbst, weil ich es zumindest bis kurz vor den Gipfel geschafft hatte. Auch von da bot sich ein sagenhafter Blick. Denn insgeheim hatte ich diesen Weg gelegentlich wirklich etwas verflucht, da ich oft Pausen einlegen musste, um wieder zu Atem zu kommen. Gleichzeitig haben mir diese Pausen aber die Möglichkeit gegeben, meine Umgebung wahrzunehmen. Die Weite zu sehen, den Wind und die Sonne bewusst zu spüren und einfach nur das mega Panorama zu genießen. Dies hätte ich nicht tun können, wäre ich an einem Stück diesen Berg hochgerannt, nur um mir selbst etwas zu beweisen.

Es ist egal, in welchem Tempo Du gehst. Es ist egal, ob Du den Weg ganz zu Ende gehst oder kurz vor dem Ziel entscheidest, dass auch das schon weit genug ist und zurück gehst, solange es sich richtig anfühlt. Wichtig ist, dass Du gehst. Über Dich hinauszuwachsen versuchst. Es ist kein Scheitern, wenn der Versuch misslingt. Denn Du hast es zumindest versucht, allein das ist schon ein Erfolg. Kein „das geht sowieso nicht“, sondern „ich versuche es einfach mal und schaue, was dabei rauskommt“.


Und während ich kurzfristig zum Durchatmen und Kraft tanken kam, wurde bei der Familie unseres 2. Vorstands in St. Wendel alles für die Baumpflanzung fertig organisiert, so dass Nicos Baum nun am Montag gepflanzt wurde. Nun ist auch dieses wichtige Ereignis vollbracht und die nächsten Arbeiten warten auf uns bzw. sind wir schon mittendrin. Die Pflanzungen der nächsten Bäume der Erinnerung sind zum Teil schon fest terminiert, manche kurz vor der Terminfestsetzung, bei anderen müssen wir momentan noch fest mit den Behörden verhandeln und Argumente einbringen, manche stehen noch komplett vor dem Beginn der Planungsphase. Pro Baumpflanzung bedeutet das in der Regel im Schnitt ungefähr zwanzig Emails und zehn Telefonate, die geschrieben, beantwortet oder geführt werden, eher mehr. Wenn dann der Tag der Pflanzung da ist, dann weiß ich, dass sich all die investierte Arbeit und Zeit gelohnt hat.

Die Messe in Freiburg LEBEN UND TOD steht in ein paar Wochen vor der Tür, bei der wir dabei sein werden und noch manches muss dafür organisiert werden, ebenso unsere Mitgliederversammlung im November. Wir sind in Bewegung und auf dem Weg. Mit vielen Dingen, die im Hintergrund laufen und gar nicht so sehr sichtbar sind. Oder erst nach der Vollendung. Es tut gut zu sehen, was alles am Werden ist. Viele kleine Bausteine ergeben irgendwann ein Ergebnis. Auch wenn Corona wirklich wie eine Bremse wirkt und viel Unsicherheiten mit sich bringt, so gehen wir unseren Weg, suchen unser Tempo. Und machen weiter. Auch wenn der Weg manchmal steil ist, manchmal auch müde macht. Das Tun ist das Ziel, das Ergebnis das, was zu neuem Streben antreibt. Es gibt immer zwei Optionen, wie man Dinge sehen kann. Wechsle den Blickwinkel, wenn es von der einen Seite trübe wirkt. Wer weiß, vielleicht sieht es dann schon anders aus? Wenn ich mich nun gerade müde fühle, dann denke ich an den Wasserfall. Schließe meine Augen, vermeine das laute Rauschen des Wassers zu hören, es riechen zu können und atme durch, komme zur Ruhe. Das könnte ich nun nicht, wäre ich den Weg dorthin nicht zu Ende gegangen. Denn dann hätte ich all dies nicht aufsaugen können und könnte das nun nicht ins Gedächtnis rufen. Manchmal ist die eigene Überwindung also gar nicht so verkehrt…