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VOM ROTEN FADENKNÄUEL – ODER WENN DAS INNERE ENTWIRRT WERDEN WILL

Text: Iris Pfister, Fotos: Pixabay

Gerade nach einem schweren Schicksalsschlag kann es passieren, dass wir, wenn wir den Boden unter den Füßen verloren haben, überhaupt keinen festen Stand mehr bekommen. Wenn die Zeit vergeht, die Menschen um uns herum schon längst wieder ihren eigenen Rhythmus für ihr Leben gefunden haben, sich für uns jedoch nichts nach vorne zu bewegen scheint. Festgefahren… in der Trauer, im eigenen Tief, in der Hoffnungs- und Mutlosigkeit. Ist das wirklich so? Oder nehmen wir es nur so wahr? Ich habe mir in den letzten Wochen viele Gedanken gemacht. Nein, so ist das nicht richtig ausgedrückt. Besser: Ich habe den Anfang des roten Fadens gesucht, der wie ein chaotisches Knäuel erschien. Meine Gedanken sortiert, das trifft es wirklich besser. In den letzten sechs Jahren, seit mein Junge nicht mehr da ist, empfand ich es immer wieder so. Dass sich nichts mehr bewegte, zumindest nicht bei mir und meiner Trauer, und vor allem nicht nach vorne. Wenn ich nun darüber nachdenke, zurückblicke, dann kann ich behaupten, dass dem nicht so war. Es war immer in Bewegung. Die Trauer, das Vermissen, aber auch die Schritte der Hoffnung in der Gegenwart in Richtung Zukunft. Manchmal nur winzig kleine, trippelnde Schritte. Manchmal im Rückwärtsgang. Manchmal auf der Stelle. Und manchmal etwas größere, die gelangen. Aber immer in Bewegung. Und nicht in dem Tempo, welches ich von mir selbst erwartete oder die anderen von mir. Solange ich atme, bewegt sich etwas. Und dann wurde mir wieder bewusst, wie meine Seele das Innere nach außen transportierte. Immer wieder, wenn sie zu sehr am Kämpfen ist. Und ich die Zeichen nicht rechtzeitig erkenne. Der Körper reagiert. Gerade in den ersten zwei, drei Jahren nach seinem Tod war dies extrem auffällig. Unbewusst vergaß ich immer wieder zu atmen und merkte es erst, wenn ich Atemnot verspürte. Magen und Galle revoltierten, was letztendlich in einer Schrumpfgalle endete, die dann entfernt werden musste. Die Haut reagierte. Schlafrhythmus immer wieder zwischen schlaflos und total viel schlafend wechselte. Herzstechen an der Tagesordnung war. Sich nach fünf Jahren eine Autoimmunerkrankung entwickelte, ausgelöst durch Stress. Ja, Trauer bedeutet Stress. Emotionaler Stress. Der Körper und die Psyche leisten Höchstarbeit, auch wenn wir das Gefühl haben, auf der Stelle zu treten. Und automatisch wird in dieser psychischen Ausnahmesituation des Verlustes viel mehr Kortisol ausgeschüttet, welches unser Immunsystem dämpft. Wir sind anfälliger. Das haben wahrscheinlich die meisten Hinterbliebenen mehr oder weniger ausgeprägt so verspürt und erlebt. All dies kann uns zusätzlich ermüden, weniger belastbar werden. Auch die Seele kann dadurch müde werden. Manchmal denke ich, sie hat all ihre Leichtigkeit verloren, meine Seele. Ist alt und grau. Möglich, dass es so ist. Dennoch darf sie immer wieder Zeiten erfahren, wo die Jugendhaftigkeit, die Ruhe und Freude einziehen. Und das ist gut so. Braucht es auch. Selbst wenn es inzwischen komplett andere Dinge sind, die ihr gut tun. Sich auf die Suche machen, auf sie achtgeben, sie wahrnehmen. Beginnen, immer wieder umzudenken, wenn der Boden unter den Füßen gleich einer tiefen Kuhle wirkt oder gar einem tiefen Krater, weil man so lange auf der Stelle tritt. Es gibt einen Ausgang. Für jeden seinen persönlichen. Durch Veränderung des eigenen Alltags, vielleicht auch des eigenen Denkens. Was ist mir wichtig, was tut mir gut? Was schadet mir, was macht mich krank? Es muss nichts Großes, nichts Außergewöhnliches sein, was als Hilfe herhalten kann. Nicht immer eine radikale Veränderung. Was wir brauchen, ist ein Ziel. Etwas, was uns selbst in unserer Mutlosigkeit wieder einen kleinen Lichtschimmer aufzeigen kann. Einen Sinn für unser eigenes Dasein ergibt. Ja, manchmal scheint eben dies trotzdem immer wieder im Nebel zu entschwinden. Wenn die Sehnsucht nach unseren Verstorbenen übermächtig wird. Anfänglich mag es uns noch helfen, für diejenigen „auszuharren“, die uns im Hier und Jetzt wichtig sind und denen wir etwas bedeuten. Wenn wir jedoch das Gefühl haben, diese Menschen hätten ihren Platz im Leben wiedergefunden, ihr Schicksal akzeptiert und nach vorne blickend und glücklich erscheinen, kann es durchaus passieren, dass wir uns umso verlorener fühlen. Erst recht bemerken, dass wir irgendwie unseren eigenen Platz in dieser anderen Normalität noch nicht gefunden haben. Uns nutz- oder wertlos fühlen. Und uns unserer eigenen Trauer und dem Schmerz umso intensiver bewusst sind. Und vielleicht immer wieder aufgeben wollen. Ich habe mich wieder daran erinnert, was mein erster Therapeut ziemlich zu Beginn sagte. Er sprach davon, dass mein Kind sicherlich nicht gewollt hätte, dass ich leide und mich selbst mit diesen tiefschwarzen Gedanken, ihm folgen zu wollen, quälte. Nein, natürlich hätte er das nicht gewollt. Dieses Wissen half mir aber nicht. Wollte ich denn, dass er uns im Stich lässt? Ebenso wenig! Und dennoch ging er. Aus seiner tiefsten inneren Verzweiflung heraus, wie ich sie in jenem Moment der Therapiestunde empfand. Dieser Satz meines Therapeuten machte mich sauer, irgendwie. Er machte es sich zu einfach. Denn auch er hatte keine passende Antwort, um meine Gedanken abzumindern. Den Weg meines Kindes sollte ich akzeptieren, ich selbst jedoch die Stärke besitzen, und diesen nicht ebenso gehen? Es klang wie blanker Hohn. Wieder keine Lösung, wieder nur das „Ausharren“ den anderen zuliebe. Diese Phase erlebte ich in den letzten Jahren immer wieder. Dieses Ausharren. Wenn ich den richtigen Blickwinkel nicht mehr besaß, alles zu viel wurde. Es waren immer die Zeiten, wenn sich etwas veränderte, ohne dass ich es wahrnahm. In die negative sowie auch in die positive Richtung. Und genau in diesen Momenten, wo wir uns im tiefsten Nebel zu befinden scheinen, braucht es dieses „sich bewusst machen“. Was ist es, dass ich fühle? Was ist es, wonach ich mich sehne? Was ist es, dass mich lähmt? Die Trauer lähmt uns ja nicht immer, sie lässt sich ab und an auch zur Seite schieben. Es sind die Dinge des Alltags, die uns überfordern. Der eigenen Situation. Genau das, was diesen zusätzlichen negativen Stress bewirkt. Stress an und für sich ist nicht zwingend ungesund. Es ist dieser negative Stress, der unsere Gesundheit gefährdet. Körperlich sowie mental. Die Trauer will jedoch durchlebt und gelebt werden, auch wenn es Kraft kostet, mühsam ist und weh tut. Wir dürfen uns selbst, und auch unserer Trauer jedoch etwas zur Seite stellen. Was es erträglicher machen kann, diesen Schmerz und das Vermissen unserer Verstorbenen zulassen zu können. Atempausen einlegen. Immer wieder versuche ich, mir selbst und auch anderen Trauernden den Blickwinkel dafür zu öffnen. Was bräuchte ich? Was täte mir gut? Altbewährtes, oder etwas ganz neues? Was kann mir wieder Sinn geben? Gerade dann, wenn der Schmerz oder die Sehnsucht übermächtig ist, dann können sich diese tiefschwarzen Gedanken in einem festsaugen. Sie wahrnehmen, erst einmal akzeptieren, dass sie da sind, und sich auf die Suche machen, was sie wieder heller werden lassen kann. Gerade bei lang anhaltender Trauer kann es sich zu einer Depression entwickeln. Muss aber nicht. Genau hin fühlen, mit dem Therapeuten z.B. hinschauen, wie ausgeprägt sie vorhanden ist. Ist es Trauer? Depression? Schwere Depression? Geht es ohne Medikamente, oder wären nun welche angebracht? So oder so: was wir brauchen, ist etwas, was uns selbst wieder einen Sinn im Leben geben kann. Nur so können wir lernen, unser Leben ohne den geliebten Menschen anzunehmen und es dennoch als wertvoll ansehen. Sich mit sich selbst wieder anfreunden, sich annehmen, mit all den Narben und Wunden. Sie sind nun Teil von uns und werden es bleiben. Ja, ich darf mir auch Balsam auf die Wunden schmieren. Warum auch nicht? Machen wir uns auf den Weg, auf die Suche nach uns selbst… auch wenn es ab und an ein Irrweg zu sein scheint. Den richtigen werden wir schon noch finden. Suchen wir den Anfang des roten Fadens und entwirren unser eigenes, verworrenes Knäuel an Gedanken und Gefühlen. Nehmen wahr, was ist, und entdecken, was sein kann. Erlauben uns, hier zu sein, auf dieser Welt. Der erste Schritt zur Achtsamkeit... Ich darf sein. Du darfst sein. Wir dürfen sein. Und wir alle dürfen unsere eigenen Fähigkeiten entdecken, unsere Gegenwart in unsere Zukunft mitnehmen, sie ebenso auch verändern. Umdenken, umlenken und schauen, was dabei raus kommt. In unserem eigenen Tempo. Was brauchst Du, um eine Veränderung zu bewirken? Was braucht Deine Seele, um Atempausen einlegen zu können? Was kann Deinen negativen Stress in positiven werden zu lassen? Was brauchst Du, um das Leben wieder ein Stückchen lebenswert zu empfinden? Vielleicht sollten wir immer wieder darüber nachdenken und Notizen an uns selbst schreiben… damit wir nicht vergessen, dass wir sind. Menschlich, verletzlich, aber wert, das Leben wieder für uns zu entdecken. Alles, was einem dabei helfen kann, ist prima. Gedanken fließen lassen, wahrnehmen, zu sich finden. Gehen wir mal los und machen uns auf die Suche…