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VOM HADERN, TRAUERN UND STAUNEN – ODER WIE DIE SEELE AUF DISTANZ GEHT


Die letzten Wochen erscheinen mir wie eine absurde Zeit. Einerseits real, andererseits wie ein falscher Film. Ich merke, wie vieles an meiner Substanz genagt hat.

Da war die große Vorfreude auf die Baumpflanzungen in Ravensburg und Friedrichshafen, das Durch- und Aufatmen als klar war, dass beide Bäume zeitlich zum festgelegten Termin auch gepflanzt werden können. Das Berührtsein, weil ich diese Zeremonien für zwei Schwestern halten durfte, die beide den Verlust eines Bruders zu beklagen haben.

Dienstags vor Ostern dann ein Anruf, dass mein Bruder nach Herzstillstand gerade reanimiert werde. Tagelanges Bangen. Er sei wieder stabil, man müsse abwarten. Während der Zeremonien in Ravensburg und Friedrichshafen waren meine Gedanken also nicht nur bei den Angehörigen und deren Brüdern, sondern auch bei meiner Familie und meinem Bruder. Auf dem Heimweg die Nachricht, es sehe nun sehr schlecht aus, der Hirntod sei absehbar. Organspende, ja, nein?

Ich fuhr also direkt zu ihm ins Krankenhaus, da nun jeder und zu jederzeit zu ihm konnte. Bis dahin war es nur einer Person pro Tag für eine Stunde erlaubt. Seine Hand zu halten, ihm meine Gedanken mitzuteilen, meine Tränen bei ihm lassen zu können, ihm sagen zu können, dass ich ihn liebe… ob er überhaupt noch etwas davon hörte? Am folgenden Mittwoch war dann klar, dass eine Organspende nicht mehr in Frage käme. Der Hirntod noch nicht vollkommen eingetreten, doch keine Chance zurück ins Leben zu finden. Wir wollten am Folgetag alle dabei sein, wenn die Geräte abgeschaltet würden und ihn bei seinem letzten Gang nicht allein lassen.

Geweckt wurde ich an diesem Mittwoch Frühs kurz nach 6 Uhr jedoch durch Schüsse in der Nachbarschaft. Mein erster Blick aus dem Fenster ließ mich erstaunt und wundernd wach werden. SEK, Polizei, Rettungsfahrzeuge, wohin mein Auge reichte. Kurz darauf ein verletzter Polizist, wenig später das brennende Haus hundert Meter entfernt. Immer wieder Schüsse, nun auch Sirenen, Feuerwehr und noch mehr Einsatzkräfte. Und plötzlich auch keinen Strom mehr in meinem Haus. So stand ich mit der Außenwelt nur noch über WhatsApp in Kontakt. Während hier draußen vor meiner Haustüre das Chaos herrschte, der Ort abgeriegelt war und ich auch keine Möglichkeit hatte dem Ganzen zu entfliehen, immer wieder auch der Austausch mit der Familie, ob sich der Zustand meines Bruders weiter verschlechterte. Ob er nicht doch vor Donnerstag seinen letzten Weg gehen würde. Es gelang mir lange, die Szenerie als unbeteiligter Beobachter zu sehen. Doch irgendwann nach ein paar Stunden begannen auch die Trigger. Was, wenn mein Sohn noch leben würde? Wäre er nun auch bei diesem Einsatz direkt vor der Tür dabei? Wen und wie viele dieser Jungs da draußen hatte er gekannt? Hatte jemand von ihnen mit ihm zusammen die Ausbildung gemacht? Herzrasen, Sehnsucht, Schmerz, Tränen… Tränen um mein Kind, Tränen um meinen Bruder.

Erst abends war es möglich, aus dem Ort herauszukommen, zu meinem Bruder ins Krankenhaus zu fahren. Strom hatten wir auch dann erst wieder. Ich konnte drei Stunden bei ihm sein, seine Hand, seinen Arm streicheln, ihm erzählen. Sein Blutdruck war schon extrem niedrig. Ich ahnte, dass er die Nacht nicht überleben würde. Er ging vier Stunden, nachdem ich nach Hause fuhr. Er war nicht allein. Die Person, die ihm am nächsten stand, war bei ihm. Und hielt seine Hand bis zum Schluss. Er wurde nur 34 Jahre alt…

Zurück blieben mein inneres Chaos und das Chaos vor der Haustüre. Erst drei Tage später war unsere Straße nicht mehr gesperrt, Polizei und THW abgezogen. Das äußere Chaos lichtete sich also, auch wenn nun noch immer unzählige Schaulustige pro Tag denken, man könne was Besonderes sehen und meinen, die Straße bevölkern und blockieren zu müssen. Das äußere Chaos lichtet sich, das Innere ist noch da.

Wer bin ich, wo stehe ich, was fühle ich? Es ähnelt einer Dissoziation, ich bin nicht wirklich bei mir. Sondern beobachte mich aus der Distanz. Vieles gelingt im Moment nur bedingt, durcheinander oder eben gar nicht. Den Alltag zu stemmen kostet noch mehr Kraft als vorher. Das, was meinem Leben in den letzten Jahren einen Sinn gab, wofür ich brannte, ich spüre gerade das Feuer nicht mehr. Ich lasse keine Fragen aufkommen, warum das alles passiert. Warum in den letzten Jahren so viele Tode in meinem Umfeld zu beklagen sind, die viel zu früh, viel zu tragisch, viel zu sinnlos sind. Ich fände keine Antwort.

Und während ich zum ersten Mal seit es den Verein TREES of MEMORY e.V. gibt ToDos im größeren Umfang an andere abgebe, einige Dinge die zu erledigen sind, hintenanstelle weil es anders momentan gar nicht geht, warte ich darauf, wann das Feuer in mir irgendwann wieder zu lodern beginnen wird. Ich gebe mir die Zeit, die ich brauche. Ich besuchte diese Woche trotzdem ein Konzert, trotz meiner Traurigkeit. Die Musik half mir für ein paar Stunden, alles andere auszublenden. Auch wenn es nur zum Teil gelang, auch hier die Leidenschaft zur Musik nicht ganz spürbar für mich war. Irgendwann wird der Schutzmechanismus bröckeln, das Fühlen und Spüren wieder da sein. Ich möchte die Arbeit bei TREES of MEMORY nicht leidenschaftslos, nur aus Pflichtgefühl heraus machen. Ich möchte den Sinn wieder darin finden, warum es sich lohnen kann zu kämpfen. Weiterzugehen. Durchzuhalten. Im Moment hängt gerade ein Schleier davor. Ich möchte darauf vertrauen, dass es mir gelingt, wie dem Vergissmeinnicht, die Mauer, den Asphalt zu durchbrechen und wieder aufblühen zu können. Mit unzähligen Narben bedeckt, so wie das Blümlein auf dem Bild mit Sand und klitzekleinen Kieselchen bedeckt ist. Aber wieder blühend. Lebendig. Eines Tages…

-Eure Iris-