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November – Trost in der Trauer finden

Text von Sonja



Allerheiligen, Allerseelen, Totensonntag – brauchen wir diese Tage um der Verstorbenen zu gedenken? Vergeht denn ein einziger Tag, eine Stunde ohne die Sehnsucht nach den Angehörigen, die man verloren hat?

Gibt es denn nicht genug Zeiten, vor denen wir uns fürchten? Der erste Geburtstag ohne den Verstorbenen, Muttertag, Hochzeitstag, jetzt also der November. Ein Monat, den ohnehin viele fürchten. Kommt er doch meist mit fahlen Tagen ohne Sonne daher. Tagen an denen der Nebel rasch aufzieht und das nasskalte Wetter so gar keine Wärme bringen will.

An Allerheiligen stand ich als Schülerin mit der Sammelbüchse vor dem Friedhof: „Eine Spende für die Kriegsgräber, bitte.“ Ich freute mich, wenn die Dose schwer wurde, aber was es eigentlich bedeutete, war mir nicht klar.

Dann gingen wir mit den Eltern zum Grab der Großeltern. Warteten ungeduldig bis sie endlich das Grab so hergerichtet hatten das „es wieder schön war.“ Ich hab es nicht verstanden, im Gegenteil: ich fragte mich zuweilen, für wen das gut sein sollte. Die Großeltern würden es ja doch nicht sehen.

Heute kniee ich an deinem Grab, mein Bruder. Heute entferne ich das Laub auf deinem Grab. Zupfe sorgfältig das letzte bisschen Unkraut, setze die neue Schale. Sammle jeden einzelnen Ahornsamen, die „Nasenzwicker“ auf. Du hast mir gezeigt, wie man die auf die Nase setzen kann. Wir mussten das Kichern unterdrücken, wir waren ja nicht auf dem Spielplatz, sondern auf dem Friedhof. Da musste man irgendwie andächtig sein. Aber schon dein Gesicht dazu, brachte mich wieder zum prusten.

Zuletzt die dunkle Erde drauf. Sie riecht leicht modrig. Eigentlich verbinde ich genau diesen Geruch mit November. Jetzt noch die Kerze an.

Heute weiß ich wozu es nützt ein Grab sorgfältig zu pflegen. Es tut mir gut diese kleinen Handgriffe. Ich hoffe, mein Bruder, die Liebe, die damit verbunden ist kommt bei dir irgendwie an.

Langsam gehe ich in der Dämmerung nach Hause. Der Friedhof ist zum Lichtermeer geworden.

Seltsam feierlich ist mir zumute. Ich bin mit all meiner Trauer und dem Verlust nicht allein. Ich fühle eine sonderbare Verbundenheit mit all den trauernden Friedhofsbesuchern. Ich besuche noch die liebevoll geschmückte Ecke der Sternenkinder. Halte bei den Kriegsgräbern inne. Fühle mich im Schmerz gehalten und getröstet.

Vielleicht ist der November der Monat des Innehaltens. Wir dürfen uns um uns und unsere Trauer um unseren Schmerz kümmern. Wir dürfen aber auch erfahren wie tröstlich Gemeinschaft sein kann.

Bleiben wir einander verbunden, bilden wir eine starke Gemeinschaft, so stark wie unser Symbol die Bäume. Mit und für den, der fehlt.


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