google-site-verification=-UgRHQ8wj0fm7xzZB-RVR0oR456EBS1jG8-927xuFjk

ENTTÄUSCHUNG UND SELBSTZWEIFEL – ODER DAS ERKENNEN DES EIGENEN POTENTIALS


Enttäuschung… wer kennt sie nicht? Man erhofft sich etwas, hat diesen sehnlichsten Wunsch, ein Ziel vor Augen, investiert viel Energie und Zeit damit das Ziel erreicht werden kann. Und dann schwindet es in der Ferne, nicht erreichbar. Enttäuschung macht sich breit. Das macht etwas mit uns. Wir machen uns klein, reden uns selbst klein, fühlen uns gekränkt und verletzt, nicht wertgeschätzt und weggeschubst. Manchmal tut das wirklich ganz schön weh. Schnell passiert es, dass wir es persönlich nehmen. Gerade dann, wenn wir uns seelisch instabil fühlen.

Mich persönlich hat nun eine Enttäuschung in einer nicht optimalen Zeit ereilt. Zwei Tage nach dem sechsten Todestag meines Sohnes. Zwischen anstrengendem langem Arbeitstag plus anschließendem drei Stunden Gespräch mit einer Trauernden und dem noch anstehenden prall gefüllten Vorstandsmeeting. Als ich auf dem Weg zum Auto kurz meine Emails überflog. So hatte ich zuerst gar nicht die Möglichkeit hinzuspüren, was die Absage, die die Mail enthielt, mit mir machte. Das kam erst etwas später. Und vielleicht war das auch ganz gut so. Weil ich nicht gleich darüber nachgrübeln konnte, warum man mir nicht die Chance geben möchte, dies auch beruflich zu tun, was eine Herzenssache für mich ist. Was mir geholfen hat die Enttäuschung besser wegstecken zu können und meinen Kampfgeist wiederzufinden? Der Verlust meines Kindes. So seltsam sich das anhören mag. Denn was hat mich sonst jemals mehr verletzt und einen nicht enden wollenden Schmerz in mir ausgelöst? Nichts. Sein Tod hat dies ausgelöst, sonst nichts. Dieser Tod hat mein Leben aus der Bahn geworfen, mich durchgeschüttelt, mich mit unzähligen Wunden und Narben zurückgelassen. Was also könnte mich noch mehr zerstören? Der Verlust eines weiteren geliebten Menschen. Etwas anderes wohl nicht. Aber auch nach sechs Jahren bin ich noch immer hier. Zu Beginn unvorstellbar, wie das möglich sein sollte. Worin liegt der Sinn weiterzumachen, wenn jemand so Wertvolles, so Wichtiges in meinem Leben den Cut gemacht hat und diese Welt, mich, uns, verlassen hat? Es gab für mich nach ungefähr zwei Jahren inneren Kampfes nur das ENTWEDER – ODER. Entweder ich kann etwas für mich finden, was mich mit Sinnhaftigkeit ausfüllen kann und mir dadurch die selbst angezweifelte Daseinsberechtigung zurückgeben kann, oder ich gebe mich vollends auf und folge meinem Sohn. Andere Entscheidungsmöglichkeiten gab es zu dem Zeitpunkt für mich nicht. Es war klar, dass allein das „Aushalten“ nicht mehr reichte, um viel länger überleben zu können. Ich musste zurückfinden zum Leben. Durch irgendetwas. Sein Tod hat mich feinfühliger werden lassen, auch mich selbst sensibler wahrnehmend. Das hat sicherlich zu der Entscheidung beigetragen, mich für die Entstigmatisierung, die Hilfe für Hinterbliebene und die Aufklärung einzusetzen. Seit seinem Tod waren Depression und Suizid präsent, in meinem Kopf, im Ringen um Antworten und verstehen können. Wissenschaftliche Dokumente und Abhandlungen wurden von mir richtiggehend verschlungen, Austausch mit Betroffenen war täglich vorhanden. Wo sonst hätte ich mich sehen oder finden können? Es hätte vielleicht noch andere Dinge gegeben. Ich selbst entschied mich für den offensiven Umgang mit meinem Schicksal und dem Thema. Deshalb bin ich bei TREES of MEMORY e.V. gut aufgehoben. Ich habe hier die Möglichkeit mich einzubringen und einzusetzen. All dies hat viel mehr Bedeutung für mich als meine bezahlte Arbeit. Es erfüllt mich, soweit dies möglich ist. Gibt mir Sinn.

Mein Wunsch, mich auf beruflicher Ebene etwas zu verändern, dadurch mehr Zeit für die Arbeit im Verein zu erlangen, wurde nun erst einmal enttäuscht. Das, was ich aus Überzeugung, mit Hingabe und Herzblut mache, bleibt weiterhin. Das kann mir auch diese Enttäuschung nicht nehmen. Ich weiß, dass ich gut darin wäre in dem, wofür ich mich beworben hatte. Ich weiß, dass ich das geforderte Wissen habe. Ich weiß, dass ich durch meine eigenen Erfahrungen noch eine ganz andere Perspektive einbringen könnte. Gefordert ist jedoch idealerweise das studierte Wissen mit Abschluss. Damit kann ich nicht dienen. Was mich verletzt hat, war nicht, dass ich den Anforderungen wohl nicht genüge. Denn ich weiß, ich wäre mehr als gut darin. Es ist vielmehr die Ablehnung an sich, ohne mir die Möglichkeit zu geben, zu beweisen was ich kann. Deshalb kam ein Aufgeben nicht in Frage. Am Ball bleiben, es weiter versuchen. Die Enttäuschung wegstecken. Hinfallen, wieder aufstehen. Zweifel an mir selbst nicht zulassen. Nachhaken, was ich noch tun könnte, um den Anforderungen gerecht zu werden. Denn manche Dinge liegen nicht in meiner Hand. Ich bin deshalb nicht wertlos oder weniger wert, nur weil mir ein (wenn auch sehr nett geschriebenes) „Nein“ entgegenschmetterte. Denn das, worin ich mich täglich unentgeltlich einbringe, mache ich nicht nur für mich selbst. Sondern auch für all diejenigen, die unter seelischen Krankheiten leiden. Für diejenigen, die suizidale Gedanken haben. Für diejenigen, die nicht wissen, wie sie helfen sollen und sich hilflos fühlen. Für diejenigen, die trauern. Für diejenigen, die unter der Stigmatisierung leiden. Und dafür, dass seelische Gesundheit denselben Stellenwert in unserer Gesellschaft bekommt wie die körperliche Gesundheit.

Ja, ich darf enttäuscht sein. Mich auch einmal gekränkt fühlen, und verletzt sowieso. Ich darf mir dennoch auch vor Augen führen, dass es okay ist, wie ich bin und wer ich bin. Ich darf mein eigenes Potential wahrnehmen und es nutzen. Ganz egal, ob ich mich manchmal klein und unbedeutend fühle. Das Potential ist da. In jedem Einzelnen von uns. Auch wenn es sich vielleicht manchmal bis in die hinterste Ecke verkrochen hat. Es kann sich wiederfinden und entdecken lassen. Ich bin. Du bist. Mit Macken und Kanten, Zweifeln und Hoffnungen. Gebrochen oder voll mit Selbstbewusstsein. Aber hey, WIR SIND. Einzigartig, unverwechselbar, großartig. Jeder von uns. Nur sehen wir es manchmal nicht mehr. Und trotzdem sind wir wertvoll, auch wenn wir manchmal scheitern. Jeder von uns hat positive Eigenschaften, die manchmal schlichtweg nicht mehr von einem selbst wahrgenommen werden. Selbst wenn manchmal alles auf dem Kopf steht, man sich im Kreis dreht: Jeder Tag ist ein Neubeginn. Vielleicht sollten wir und Zeit nehmen starten den heutigen, uns unsere Stärken und positiven Eigenschaften einmal wieder bewusst zu machen?