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DER WEG IST DAS ZIEL – ODER VOM GEHEN DES ERSTEN SCHRITTES


„Der Weg ist das Ziel“… das hatte just vorhin eine meiner Schwestern in ihrem WhatsApp Status. Ja, es hätte nicht passender formuliert sein können, genau dann, als ich ihn las. Warum, möchte ich Euch gerne erzählen.

Vieles empfand ich als extrem schwierig in den letzten, langen Monaten. Zu viel, was mich immer wieder zurückwarf auf meinem Weg. Das sich gefangen fühlen in der Bubble, der Blase des Alltags, der immer schwerer zu bewältigen schien. Die nicht enden wollende Pandemie nebst all den Einschränkungen, was sich zumindest für jetzt glücklicherweise vorerst normalisiert hat. Die Verluste geliebter und gemochter Menschen, durch den Tod genommen. Eigene körperliche Wehwehchen (wir werden eben alle älter) und deren Nachwehen. Ich sehnte mich nun Wochen schon auf meine Auszeit. Die ersten Tage Urlaub stand noch einiges an Vereinsarbeit an, bevor letztendlich zehn Tage wirklich „Nichts-tun“ die Oberhand haben konnte. Ausspannen, durchatmen. Und auch ein bisschen Kulturprogramm, dies jedoch auf ein Minimum beschränkt. Ich spürte, wie nach und nach immer mehr Energie zurückkam. Wie ich jeden Sonnenstrahl aufsaugte, obwohl ich unter dem Sonnenschirm lag. Die restlichen Urlaubstage verbrachte ich dann wieder mit vielen Stunden am PC. Aufgelaufene Mails beantworten, alle Reden für die im September anstehenden Baumpflanzungen fertig machen, letzte organisatorische Dinge aller Veranstaltungen klären, die Bekanntmachungen in die Wege leiten. Und die Spendenaktion „Jeder Kilometer zählt“ erstellen. Eigentlich dachte ich noch vor zwei Wochen, soweit alles in trocknen Tüchern zu haben, es stellte sich jedoch heraus, dass all diese letzten ToDos auch wieder zeitintensiv waren. Ein paar Mal umdrehen, dann wird auch schon der Oktober da sein und somit die Messe in Freiburg. Auch darauf wurde nun schon mal ein Blick geworfen und geklärt, wer im Team vor Ort sein wird und nun auch die Zimmer reserviert werden sollten.

Heute gelang mir etwas, was ich nicht vermutete. Nach über einem Jahr habe ich meine Walking-Stöcke in die Hand genommen und bin losgelaufen. Ich habe mich auf den Weg gemacht. Spontan, ohne es zu planen. Was für Manche als Kleinigkeit erscheinen mag, war für mich ein großer Schritt. Wie oft hatte ich mir in den letzten Monaten selbst gesagt, ich sollte einmal wieder etwas für mich und meine Fitness tun. Nach der Entfernung meiner Schilddrüse kamen im Gegenzug einige Kilos geflogen. Die Schokolade in Stresssituationen half da auch gut dazu. Der innere Schweinehund kann riesengroße Ausmaße annehmen; und siegte meistens. Da hinderte mich die Müdigkeit, die körperliche wie die mentale. Da hinderten mich die Schmerzen in meinen Knochen, die an manchen Tagen nicht einmal mit Schmerzmitteln in den Griff zu bekommen sind. Da hinderte mich meine japsende Atmung, weil die Zigaretten in den letzten Jahren nicht weniger wurden. Da hinderte mich die Hitze, die über Wochen herrschte. Und es hinderte mich mein Gefühl zu mir selbst.

Nachdem ich den großen Berg an Bügelwäsche schon sehr zeitig heute anging, kam es mir ganz spontan in den Sinn. „Danach gehst Du gleich walken.“ Einfach so. Aus dem Nichts. Beim Anziehen der Turnschuhe sagte ich mir noch, dass das bescheuert sein könnte. Denn die Füße schmerzten da schon. Ich ging dennoch. Ich spürte mit jedem Schritt die Veränderung. Horchte genau hin in meinen Körper. Es tat gut. Endorphin wurde ausgeschüttet, ebenso Dopamin und Serotonin. Da tat sich was. Mein Tempo war zwischendurch so angepasst, dass ich im Wald auch mal kurz anhalten und hoch zu den Baumwipfeln schauen konnte, auf den letzten Metern auch die einsam stehende Sonnenblume registrierte, die allem anderen trotzte.

Als ich zurück war, machte sich ganz kurz auch ein bisschen Enttäuschung breit. Weil ich einfach viel länger für die gelaufene Strecke benötigte als früher. Aber wie meinte dann Schwiegersohn in Spe so nett: „die Zeit ist ganz egal.“ Recht hat er. Es geht nicht darum, Meisterleistungen zu vollbringen. Es geht darum, den ersten Schritt zu machen, den inneren Schweinehund zu überwinden. Dann ist das Ziel schon mal erreicht. Und so ist es mit vielem in unserem Leben. Wir nehmen uns Dinge vor, noch eins und noch eins, stecken das Ziel recht hoch, setzen uns selbst damit unter Druck. Uns plötzlich erscheint alles vor uns wie ein unüberwindbarer, riesiger Berg. Es beginnt uns zu lähmen. Macht uns klein, mutlos und zweifelnd an uns selbst. Jeder hat seinen eigenen Berg. Jeder hat seine eigenen Herausforderungen. Was für den einen mühelos zu bewältigen erscheinen mag, ist für den anderen ein ganz schöner Brocken. Deshalb nehme ich mir nun nicht vor, mindestens ein- oder zweimal die Woche wieder die Stöcke zu schnappen und loszuwalken. Das wäre mit Enttäuschung über mich selbst verbunden, weil ich das mit meinem Arbeitspensum gar nicht unter einen Hut bekommen würde und somit das Vorhaben nicht umsetzen könnte. Zu walken, sobald ich mich bereit dafür fühle und es machbar erscheint, spontan oder an dem Tag schon vorher dazu entschieden, das wird mein Ziel. Wenn jemand, in der Depression streckend, es tagelang nicht schaffte aufzustehen, dann ist es doch schon ein gewaltig toller Schritt, doch wieder einmal aufgestanden zu sein. Für Trauernde, gerade wenn der Verlust noch nicht lange her ist, ist es zum Beispiel schon ein gewaltig toller Schritt, sich dennoch jeden Tag dem Leben zu stellen, egal wie und wie intensiv. All das sind Schritte. Ist etwas „auf dem Weg sein“. Der Weg ist das Ziel. Wohin er uns führt und wie lange wir brauchen, ist unerheblich. Wir dürfen stolz auf uns selbst sein, auch wenn wir das immer wieder vergessen. Ja, ich war heute auch ein bisschen stolz auf mich. Denn vor einigen Wochen hätte ich nie daran gedacht, laufen gehen zu wollen. So habe ich heute diese zurückgelegten Kilometer für unsere Spendenaktion „Jeder Kilometer zählt“ vollbracht. Ich werde sie sammeln mit hoffentlich noch weiteren Kilometern, die mich mein Weg in den nächsten Wochen bringen wird. Denn um den 10. September herum bin ich so viel für TREES of MEMORY e.V unterwegs, dass an walken oder wandern nicht zu denken sein wird. Ich bin ein bisschen stolz auf mich selbst… auch wenn mir morgen wahrscheinlich ein Muskelkater etwas anderes zuflüstern möchte. Der Weg ist das Ziel… und die Zeit ist ganz egal.