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DER HIMMEL VOLLER FARBEN – ODER WAS FRIEDEN UND SEHNSUCHT GLEICHZEITIG AUFZEIGT


Kennt Ihr das? Der Himmel zeigt sich in den unterschiedlichsten Farben und schon beginnt man dies in sich aufzusaugen. Wird ruhig, vielleicht auch nachdenklich, und irgendwie friedlich. Wenn man sich die Zeit nimmt, dann sieht man minutenlang ein Schauspiel des Himmels. Als eine Art Geschenk, als Balsam für die Seele.

Ich war noch ungefähr vier Monate nach dem Suizid meines Sohnes im Krankenstand. Und schon da schien ich ihn immer und überall zu suchen. Es drang noch nicht durch, dass ich ihn, solange ich lebe, nicht mehr sehen werde. Es war noch unvorstellbar, ist es manchmal auch heute nach fünfeinhalb Jahren noch. Manchmal spürte ich ihn, nah bei mir. Aber sehen konnte ich ihn nicht. Besonders nahe schien er mir immer, wenn mein Blick die Farben eines Sonnenaufgangs oder Sonnenuntergangs betrachtete. Und so nah er in diesen Momenten war, so unerreichbar war er auch. So schlich sich einerseits Frieden in mein Herz, weil er mir zu sagen schien „Ich bin immer bei Dir“, andererseits spürte ich diese Sehnsucht nach ihm, die mich schier zerriss, weil ich ihn weder sehen noch berühren konnte. Als ich damals wieder ins Arbeitsleben zurückkehrte war gerade die Jahreszeit, in der ich während der Fahrt zur Arbeit täglich beobachten konnte, wie der Himmel begann sich zu verfärben und die Sonne langsam am Horizont erschien. Am liebsten hätte ich das Auto einfach abgestellt, um das Schauspiel in aller Ruhe zu betrachten. Und um meinen Tränen freien Lauf zu lassen, die in meiner Seele brannten. Letzteres geschah eigentlich täglich, sobald ich nach der Arbeit ins Auto stieg. Der Druck des funktionieren-Müssens fiel ab, hatte immer so viel abverlangt, tut es auch heute noch gelegentlich. Eineinhalb Jahre nach seinem Tod spürte ich das erste Mal wieder, dass ich lebte. Während eines Aufenthalts bei meinem Onkel in Australien. Fremde Tier- und Pflanzenwelt, ich nahm jedes Detail wieder wahr. Sah, roch, hörte. Ich schien zuvor vergessen zu haben, wie das geht. Und da mein Onkel und meine Tante meinem Mann und mir die Zeit der Ruhe und ein Stückchen Heilung schenken wollten, gingen sie häufig mit uns an die verschiedensten Küstenabschnitte und Strände in der Gegend dort. Auch abends, wenn die Sonne im Meer zu versinken schien. Und ja, ich heilte ein klitzekleines Stück. Nahm wieder wahr, dass ich atmete, wo ich zuvor lange Zeit, unbewusst und ohne es zu bemerken, das Atmen eingestellt hatte bis ich meinte zu ersticken. Nahm wieder wahr „Ich bin“… zerbrochen, kaputt, verletzt, zerstört, aber: ICH BIN. Und ich darf sein. Bin niemandem Rechenschaft schuldig über mein Empfinden, meine Gefühle, mein Handeln.


Fotos: by I.P. Darwin, Northern Territory, Australia

In den letzten Jahren war es dann nicht mehr so intensiv, die Wahrnehmung des Himmels mit all seinen Farben. Zu sehr mit Arbeit zugemacht, bis zur Erschöpfung. Es rächt sich jedoch ab und an…

Wir haben alle ein schwieriges Jahr, das wir durchleben. Oftmals voller Unsicherheit, und manche von uns auch voller Ängste oder auch Wut. Auch ich erkenne diese Gefühle in mir. Und ich merke, dass mich viel mehr unter Stress setzt als davor, und da war es ja auch schon nicht wenig. Anscheinend hat nun mein Körper die Kontrolle übernommen, da ich zu wenig in mich hinein oder auf ihn gehorcht hatte. Drei Wochen bremste er mich nun aus, so dass ich auch nicht wirklich fähig war, zuhause liegengebliebene Dinge in Ordnung zu bringen. Zeit zum Nachdenken, Zeit zum Fühlen und Wahrnehmen. Das war das Einzige, was blieb. Und so spürte ich wieder die Sehnsucht nach Frieden und die nach meinem Kind. Spürte die innere Müdigkeit, auch wenn ich unter Strom zu stehen schien. Wollte all das ausblenden, was mir nicht gut tut. So stand ich nun oft zuhause am Fenster und schaute auf die Wolken, die Farben des Himmels, die Sonne und den Mond. Und konnte seit langer Zeit wieder all das wahrnehmen, aufsaugen und innerlich abspeichern.

Für uns, die wir einen geliebten Menschen vermissen, kommt die schwierige Zeit von Weihnachten. Nun wird es für alle anderen ebenfalls schwierig, weil wir gar nicht wissen, ob und wen wir von den uns nahestehenden Menschen überhaupt sehen können. Für manche von uns mag das gar kein Unterschied machen zu den vergangenen Jahren, weil wir uns von den Familienfeiern fernhielten oder gar keine Familie da ist. Bei meiner Tochter spüre ich einen gewissen Trotz. Trotzdem, oder gerade jetzt erst recht und vielleicht sogar früher adventlich schmücken, sich ein Stück Frieden und Geborgenheit schenken. Nachdem ich von meiner Schwester und ihren Töchtern eine beleuchtete Winterlandschaft geschenkt bekommen habe, wird dies wohl der erste und einzige weihnachtliche Schmuck sein, den ich nach sechs Jahren wieder aufstellen werde. Und ich kann mich sicherlich an den vielen kleinen Details daran sattsehen und erfreuen. Vor sechs Jahren habe ich das letzte Mal Weihnachtsplätzchen gebacken. Auch dieses Jahr werde ich das nicht tun. Aber, da meine Tochter Weihnachtsmärkte liebt und wohl nirgends einer stattfinden wird, holen wir den Weihnachtsmarkt einfach nach Hause zu ihr. Mini-Lebkuchenhäuser backen und zusammenbasteln, die wir uns selbst dann auf den Rand der mit Glühwein gefüllten Tassen servieren. Wenn dann dazu noch der Himmel in den tollsten Farben leuchtet, dann werde ich wissen, dass mein verstorbenes Kind, für welches die Advents- und Weihnachtszeit das Highlight des Jahres darstellte, von irgendwoher lächelt und ganz nah dabei sein wird.

Der Himmel voller Farben…. Ich nehme wahr, „ICH BIN UND DARF SEIN“… zerbrochen, verletzt, zerstört, und dennoch vernarbende Wunden und ein bisschen Hoffnung…