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Das Leben ist (k)ein Plateau

  • vor 5 Tagen
  • 4 Min. Lesezeit

Text von Sonja




Ankommen, einfach irgendwo ankommen. Dieser Gedanke kreist in meinem Kopf und wird allmählich zu meinem Mantra.

Seit zwei Tagen wandern wir, eine kleine Gruppe von zehn Leuten durch die Karnischen Alpen. Bei strahlendem Sonnenschein waren wir forsch losmarschiert. Doch quasi über Nacht hat das Wetter komplett umgeschlagen. Schwere Regenwolken hängen tief über den Bergen. Da wir aber von Hütte zu Hütte über den gesamten Höhenweg wandern, müssen wir auch bei diesem wenig einladenden Wetter los. Wir schultern unsere Rucksäcke und brechen auf.

Dichte Nebelschwaden wabern uns um die Köpfe. Ich sehe gerade so meinen Weg und die Stiefel meines Vordermanns. Ein unaufmerksamer Schritt und wir stürzen ab.

Eigentlich ist eine Gratwanderung etwas sehr Schönes. Kein Baum, kein Bergrücken behindern den Blick. Die Sicht würde von den Lienzer Dolomiten bis hin zu den Sextener Dolomiten reichen. Ein 360-Grad-Panorama-Blick! Normalerweise!

Wir aber sehen – nichts! Es ist auch beängstigend still. Kein Pfiff der Murmeltiere, kein Kreischen der Alpendohlen, der Nebel verschluckt beinahe jedes Geräusch. Alle Tiere scheinen sich vor dem merkwürdigen Wetter zu verstecken. Zu hören ist nur noch das gleichmäßige Klappern unserer zehn Paar Wanderstöcke. Es klingt, als würde jemand heimlich ein Kommando vorgeben, so gleichzeitig setzen wir die Stöcke.

Im Außen ist nichts zu sehen, ich kann nur nach innen schauen.

Wie gerne wäre ich jetzt auf der nächsten Hütte, würde die schweren Wanderstiefel ausziehen und in meine Flipflops schlüpfen. Diese Wanderung hatte ich mir wirklich etwas anders vorgestellt. Wer hätte gedacht, dass es im Juli, gerade in diesen heißen Tagen so schlechtes Wetter geben könnte!

Was für eine denkwürdige Analogie zu meinem Leben? War die Vorstellung davon nicht völlig anders als das tatsächlich Erlebte?

Hatte ich nicht gedacht: Ich ziehe mein Leben durch, gehe dann gemütlich in Rente - ja, ich bin noch ein Jahrgang der Rente erhält-, und genieße den (Un-)Ruhestand? Stattdessen bin ich durch den Suizid meines Bruders, meinen eigenen Burnout, den langen Kampf gegen den Krebs meines Vaters in mehr als nur schlechtes Wetter und schwieriges Gelände geraten? War ich irgendwie schlecht vorbereitet? Kann man sich, muss man sich auf derartige Schicksalsschläge vorbereiten?

Es ist empfindlich kühl geworden und das mitten im Sommer!

Jemand zieht seine Handschuhe aus und streift sie mir über meine schon blau gefrorenen Hände.

Erstaunt hebe ich den Kopf und bedanke mich mit Tränen in den Augen.

War ich mit zu leichtem Gepäck unterwegs? Hatte ich mehr Flausen als die reale Welt im Sinn gehabt?

Jemand stimmt ein Taizé-Lied an. Wir fallen nach und nach ein.

Mittlerweile ist aus dem Nebel ein schweres Reißen geworden. Es ist eine Nässe die durch und durch geht.

Wir gehen sehr langsam. Der Weg ist so steil und schwer und das Wetter macht jeden Schritt zu einer Herausforderung.

Zwingen wir uns in schweren Zeiten nicht meist, im selben Tempo oder vielleicht sogar noch schneller weiterzugehen? Sollten wir nicht stattdessen behutsame Schritte machen? Die richtigen Gefährten auswählen?

Kluge Gedanken, ich hadre dennoch!

Was für ein Wetter! Ich werde wahrscheinlich nie mehr in diesen Bergen unterwegs sein. Jetzt sollten die Alpenrosen blühen und unter uns ein rotes Blütenmeer bilden. Gämse sollten in diesen Höhen klettern. Nichts von all dem kann ich sehen. Alles ist unter dieser dichten Nebelbank versteckt. Ich kann nur erahnen, wie es an einem schönen Tag aussehen würde, und trotte weiter. Irgendwann werden wir auf der nächsten Hütte ankommen. Ich träume von Kaiserschmarrn und warmen, trockenen Klamotten.

Der Nebel löst sich nicht etwa auf, sondern geht in starken Regen über. Wir machen auf einem kleinen Plateau eine Rast. Eine Stärkung ist notwendig, auch wenn wir nur unwillig pausieren. Zumindest die schwierigsten Hürden scheinen wir genommen zu haben. Ein Mitwanderer lässt eine Flasche Schnaps kreisen. Das muntert uns auf, obwohl wir nur kleine Schlucke davon trinken. Wir wissen nicht was noch vor uns liegt. Sicher wird der Abstieg genauso anstrengend wie die Gratwanderung.

Das Essen mobilisiert neue Kräfte, auch wenn es schwierig ist, so ganz ohne Schutz, die leicht matschigen Brote zu verzehren.

Wir machen unsere Witze darüber, wessen Kleidung noch halbwegs trocken geblieben ist. Einer zieht seine Wanderstiefel aus und kippt das Wasser raus. So schlimm ist es bei mir noch nicht. Aber wir alle könnten uns als Testpersonen für Regenkleidung anmelden. Wird die Schutzkleidung halten, wenn es Stunde um Stunde so weiter regnet?

Ich kann es kurz machen. An der Hütte angekommen, war jeder nass bis auf die Unterwäsche. Müde und erschöpft, wie ich war, schmeckte nicht einmal der Kaiserschmarrn.

Ich habe viel fürs Leben aus dieser Wanderung mitgenommen. Wie wir alle sehne auch ich mich nach einem Ankommen, nach einem Zuhause, nach Geborgenheit. Vielleicht erlebt man das auch für kurze Momente, aber dann heißt es schon wieder: weiterziehen. Vielleicht ist der nächste Tag genauso mühsam wie der vorherige, vielleicht aber auch schon wieder sonnig. Mir ist klar geworden: Ich darf nicht auf ein sonniges Plateau hoffen. Ich muss mir meine Geborgenheit schaffen, wann und wo ich sie benötige. Nicht nur auf einer Hütte, nicht nur zu Hause.

Der Taize Gesang beruhigte mein Gemüt. Der Schnaps brachte eine kleine Leichtigkeit, das Essen gab mir meine Stärke zurück, die Gefährten vermittelten mir Kraft, Mut und Halt.

Wahrscheinlich müssen wir, solange wir leben, immer wieder weiterziehen. Schaffen wir uns deswegen auch zwischendurch unsere kleinen Plateaus. Sei es bei der Arbeit, während einer langen Autofahrt, bei der Versorgung der Kinder oder der Pflege eines Angehörigen. Dies gilt selbstverständlich auch für die Bewältigung von Trauer und schweren Verlusten.

Teilen wir unsere Kräfte ein. Wir wissen nicht, wie lange und auf welchem Gelände wir unterwegs sein werden.

Sorgen wir für uns – gerade, weil einer fehlt!



 
 
 

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