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VON GANZ WENIG ZU GANZ SCHÖN VIEL… - ODER WENN DIE ARBEIT FAHRT AUFNIMMT


Es war wirklich fast zu viele Monate ruhig. Weil kaum noch etwas möglich war, vieles nur im Hintergrund laufen konnte und schlichtweg alle Vorhaben auf Eis gelegt werden mussten. Das hat mich heftig gelähmt. Müde werden lassen, traurig gemacht, zweifeln lassen. Viel länger hätte ich das alles nicht mehr so laufen lassen können, denn die Pandemie hat nicht körperliche, sondern seelische Spuren bei mir hinterlassen. Ich habe gekämpft. Mit mir selbst, meinem Dasein, dem Sinn und meiner Geduld. Auch wenn das, was ich im Hintergrund an gewonnener Zeit für Dinge wie die Weiterbildung, aneignen von noch mehr Hintergrund Wissen und Fachwissen genutzt habe, es hat etwas gefehlt. Der Austausch, das Planen, das Durchführen. In den letzten Wochen hat unsere Arbeit wieder Fahrt aufgenommen. Manches davon macht mich nachdenklich, da unsere 1. Anlaufstellen momentan doppelt so häufig in Anspruch genommen werden als bisher. Ob das nun daran liegt, dass wir besser wahrgenommen werden und man auf uns aufmerksam wird oder daran, dass möglicherweise die Zahl der Suizide steigt, das kann ich nicht beurteilen. Ich sehe nur das Ergebnis. Dass vermehrt Menschen Hilfe brauchen und diese suchen. Da ist auch gut und richtig so, sich Hilfe und Unterstützung zu holen.

Unsere Mitgliederversammlung konnten wir bisher nicht in Präsenz durchführen, wobei der direkte Austausch unter den Mitgliedern da etwas ganz Wertvolles ist. Wir führen sie am kommenden Wochenende digital durch, was für uns nun im Vorfeld einiges an Vorbereitung und Umstellung, also zusätzlicher Arbeit verbunden war. Aber wir freuen uns darauf. Zumindest am Bildschirm die vielen tollen Menschen sehen, die gemeinsam das große Ganze ausmachen.

Die Baumpflanzungen nehmen ebenso Fahrt auf. Zwölf werden momentan „bearbeitet“, was bedeutet, die Genehmigung der Städte einzuholen und zum Teil auch Baumschulen anzufragen. Was die Genehmigung und gemeinsame Pflanzung mit den Gemeinden angeht ist es immer unterschiedlich. Bisher sind wir mit unserem Konzept und der angesetzten Spende für einen Baum ganz gut gefahren. Wenn einer teurer war, da wir manchmal auch die Pflege mit zahlen müssen und eine Mindestgröße des Baumes von der Stadt vorgegeben wird, konnten wir das immer gut auffangen mit den bisherigen Baumpatenschaften und dem Eingang höherer Spenden. Nun haben wir gerade zwei in Bearbeitung, wo ich mich frage, wie man auf solche Summen kommt. Die ich nicht in der Relation sehen kann. Da ist Verhandlungsgeschick angesagt, wohlüberlegt Worte, um sich zu einigen. Denn für einen Baum fünf- bis siebenmal so viel zu zahlen als das, was wir von den Angehörigen als Spende erfragen, ist echt heftig. Das Geld fehlt dann wieder an anderer Stelle. An der Unterstützung für Marios Lauf. An der Durchführung unserer Öffentlichkeitsarbeit, den Vorträgen, Schulungen und Workshops. Diese führen wir zwar ehrenamtlich aus, wir werden dafür nicht bezahlt, möchten aber zumindest keinem unserer Mitglieder zumuten, auch noch finanziell draufzulegen und zumindest Fahrgeld erstatten. Daher kommen wir gar nicht umhin, mit den Gemeinden zu verhandeln. So dass wir jedem, der einen Baum der Erinnerung möchte, dies auch ermöglichen können.

Am 10. September ist der internationale Tag der Suizidprävention, im Oktober die Woche der Seelischen Gesundheit. Normalerweise wären wir dafür schon längst in der Planung, welche Veranstaltungen wir wann und wo durchführen können. Durch die Pandemie waren wir vorsichtig. So wird das nun in den nächsten Wochen auf dem Programm stehen… plus der weiteren Ausarbeitung des 13. Oktobers, um dem Baum der Erinnerung der anlässlich der Sonderausstellung zum Thema „Suizid- let´s talk about it“ gemeinsam mit dem Museum für Sepulkralkultur in Kassel gepflanzt wird, ein gutes und ausführlicheres Rahmenprogramm zu geben. Ebenfalls auch die vorsichtige Planung an den Teilnahmen zweier Messen im Oktober, wo wir nicht nur uns selbst vorstellen, sondern auch, und das ist für uns das wichtigste, hoffentlich mit ganz, ganz vielen Menschen ins Gespräch kommen dürfen. Die Besucher für die Themen Mentale Gesundheit, psychische Erkrankungen, Suizidalität, Prävention und Trauer nach Verlust durch Suizid zu sensibilisieren. Vorsichtig deshalb, weil dieses Corona-Zeitalter auch die Veranstalter in Unsicherheit bringt und zaghaft geplant wird, bis dann kurz vor Beginn feststehen kann, wie und ob die Messen durchgeführt werden können.

Und auch ein Veranstaltungswochenende für den Sommer 2022 steht an, hierfür wird schon mächtig geplant und daran gefeilt. Mehr verrate ich zu gegebener Zeit.

Wir haben uns inzwischen weiter vernetzt und stehen in enger Zusammenarbeit mit „Forum Mut“. Darüber erzähle ich Euch ein anderes Mal und stelle Euch das ausführlicher vor.

Dies alles sind Dinge, die im Hintergrund geplant, erarbeitet und organisiert werden. Die nach außen gar nicht so sichtbar sind. Was man sieht, sind die Bäume am Tag der Pflanzung. Wenn ein neuer TREE of MEMORY ins Leben gerufen wird. Was man auch sieht, ist dass Mario nun endlich seinen Lauf wieder aufnehmen konnte, nachdem er lange in den Startlöchern verharren musste. Wir freuen uns mit ihm und sind auf seine Eindrücke und täglichen Begegnungen ebenso gespannt wie all die, die sein Videotagebuch verfolgen.

Ja, es war ganz schön wenig während den Zeiten der verschiedenen Phasen im Lockdown. Und nun ist es wieder ganz schön viel. Zeit, um wieder die eigene Balance zu finden. Damit aus Arbeit und Engagement, was aus tiefstem Herzen kommt, keine Überforderung entsteht.

All das macht etwas mit mir. Die Zeiten, in denen so viel Stille herrschte, sie hat mich grübeln lassen. Mich manchmal fast wieder total ohnmächtig fühlen lassen, die Sehnsucht nach meinem Sohn extrem spüren lassen, weil ich nicht genügend mit Positivem abgelenkt war. Es war eine Zeit, in der ich in vielem wieder den Sinn suchen musste. Das Weitermachen so schwer fiel. Und mir wurde wieder klar, warum ich so viel Energie und Herzblut in unseren Verein stecke. Es hilft mir, gegen die Ohnmacht des Schmerzes anzukämpfen. Denn dieser geht nicht weg. Ich kann nur versuchen, ihn zu kanalisieren. In etwas, das mich wieder atmen lässt, weiter aushalten lässt, anderen vielleicht auch zugutekommt. Fehlt dies, fühle ich mich wieder restlos ausgeliefert. Dem Schmerz, dem „ich habe keine Kraft mehr“-Gefühl, der Verzweiflung. Wir alle die solch einen Verlust durchgemacht haben brauchen etwas, das uns dabei hilft nach vorne zu gehen. Was unserem Leben wieder einen Sinn geben kann, wo wir doch nach dem Suizid eines geliebten Menschen so vieles in Frage stellen. Manch einer powert sich ständig beim Sport aus, der nächste flüchtet vor der Auseinandersetzung mit dem Geschehenen, weil es zu sehr weh tut und ist auch körperlich „auf der Flucht“, sprich lenkt sich mit allem möglichen ab. Und andere wiederum engagieren sich irgendwo. Ob Eintritt im Chor, der Arbeit mit Kindern, Jugendlichen, älteren Menschen oder Tieren. Oder wie hier, bei TREES of MEMORY e.V., themenbezogen. Mit ToM e.V. kann ich selbst in die Offensive gehen. Mich mit meinem eigenen Schicksal auseinandersetzen, habe gelernt, die Hintergründe des Handelns meines Sohnes besser zu verstehen, war dadurch bereit, intensiv zu lernen, was psychische Erkrankungen sind. Es hat mir geholfen zu verstehen. Und gibt mir die Möglichkeit, das Wissen und die Erfahrungen weiterzugeben. Denn was mich mein ganzes Leben begleiten wird, ist der Suizid meines Sohnes. Und das Vermissen. Das wird bleiben. Was ich tun kann, ist die Ohnmacht zu minimieren. Sich selbst wieder spüren und wahrnehmen können. Das ist es, was Menschen mit diesem Schicksal brauchen. Und jeder darf seinen eigenen Weg suchen, der ihm das wieder ermöglicht. Ehrenamtliches Engagement, Sport, Wandern, kreatives Arbeiten, oder ein Mix aus verschiedenen Dingen. Sich auf die Suche machen, das ist der Anfang…