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TÜREN UND WEGE – ODER DER BALANCE-AKT MEINER SELBST




Nun rücken die Tage bis zum internationalen Tag der Suizidprävention am 10. September immer näher. Und eigentlich wirkt das bei diesen sonnigen, heißen Tagen, die überall in Deutschland herrschen, irgendwie unwirklich. Man kann Energie tanken, auch wieder einiges unternehmen und einfach das Leben genießen. Warum sich dann mit etwas beschäftigen, was so voller Schwere scheint? Ja, es kostet Überwindung. Normalerweise würde für die Aktionstage schon längst alles stehen. Weil ich immer versuche, alles schon Monate vorher in trockenen Tüchern zu haben. Das Thema passt ja auch viel besser in kühlere, manchmal trübe Tage. Durch Corona kam so viel ins Wanken, dass ich bis heute noch nicht hundertprozentig weiß, ob die Veranstaltungen durchführbar sind und wo der Gottesdienst stattfinden kann, da warte ich auf das endgültige Okay. Dabei würden schon längst die Plakate für die Veranstaltungen gedruckt vor mir liegen und in einer Woche verteilt werden. Ich merke, dass es etwas mit mir macht. Auch diese Planungen und Aktivitäten sind für mich immer Lichtblicke, weil ich das Gefühl habe, dass es etwas Sinn Gebendes ist, was ich da tue. Ich brauche das wie die Luft zum Atmen. Das hilft mir vor allem im Frühjahr, weil mich da der Todestag meines Kindes so angreifbar und innerlich wund macht und ich durch diese Ablenkung diese Tage besser überstehen kann. Nun zieht sich alles schon in den Sommer, und auch da sind die üblichen Lichtblicke so rar und es benötigt Alternativen dazu. Es gelingt mir immer nur im Kleinen. Aber das ist schon mal absolut wertvoll und wichtig. Kleinere Unternehmungen, Dinge bewusst wahrnehmen und die Schönheit der Umgebung mit dem Auge erfassen und innerlich aufsaugen. Das ist gerade so nötig. Weil ich mich Alltag so häufig selbst verliere, keinen Zugang zu mir finde. Dann gelingt es mir nicht, meine Mauer aufrecht zu halten. Die Mauer, die ich brauche, um weitermachen zu können. Sie wird trotz des tollen Wetters momentan ganz schön brüchig. Klar wünsche ich mir ab und an die Leichtigkeit von früher zu haben. Mir ist bewusst, dass sie so nie wieder zurückkommen wird. Umso kostbarer sind die unbeschwerten Momente, in denen ich mich zufrieden, ausgeglichen und wohl fühle. Dieser Balance-Akt ist nicht einfach. Dass ich damit nicht allein bin, wurde mir nun wieder verdeutlicht, als ich das Buch in den Händen hielt, an dem ich als Co-Autor in mitgewirkt habe. „ÜBERsLEBEN nach dem Tod eines Kindes“ erschienen im BoD Verlag. Geschrieben von 36 Müttern, die auf verschiedenste Weise ihr Kind verloren. In diesem Buch geht es darum, wie diese Mütter einen Weg zurück in ihr Leben DANACH gefunden haben. Ob Rituale, eigenständig oder mit Hilfe, was sie zurückwarf und was ihnen wieder einen Sinn gab, um weiterzumachen. Die eine oder andere Geschichte kannte ich, da ich bei der Korrekturlesung unterstützt habe. Und viele Geschichten waren mir neu. Alle haben eins gemeinsam: dieser Balance-Akt im jetzigen Leben. Ich merke, wie ich immer wieder ins Schwanken komme. Aber ich weiß, dass ich damit nicht allein bin.

Lange hatte ich mir überlegt, ob ich auch Teil eines Podcast sein möchte. Da ich eigentlich meinen Fokus darauflegen möchte, Mut zu machen und durch meinen Weg verdeutlichen möchte, dass es nach dem Verlust eines geliebten Menschen, der sein Leben selbst beendete, weitergehen kann. Auch wenn der Weg dahin lange und steinig ist. Der Podcast möchte den Hinterbliebenen die Möglichkeit geben ihre Geschichte zu erzählen. Mit allem, wie und was sie erlebt haben. Ich habe mich dann doch dazu entschlossen, auch wenn meine Geschichte ein wenig aus der Reihe tanzt. Weil ich den Fokus nicht nur auf das Erlebte bringen wollte, sondern zum Ende der Geschichte die Kurve auch dahin lenken, was mir inzwischen klar geworden ist. Dass das Thema Suizid zwar an die Öffentlichkeit gebracht werden muss, aber behutsames Vorgehen allein schon wegen dem Werther-Effekt nötig ist. Und dass es fast unabdingbar ist, seinen eigenen Weg zu finden, das Schicksal anzunehmen und für sich selbst einen neuen Sinn zu finden, nachdem man so vieles des vorherigen Lebens in Frage stellen musste. Zu hören ist das in der Folge 11 des Podcast „Das ist ja wohl eine Unverschämtheit“ von Elisa Roth. Beides, das Schreiben für das Buch sowie das Interview für den Podcast war etwas, wobei ich mich erneut mit meinem Schicksal auseinandergesetzt habe. Ab und an brauche ich das, um mich selbst zu verstehen, weil ich mich schlicht und einfach durch den Tod meines Sohnes verändert habe und mir selbst auch heute noch gelegentlich irgendwie fremd bin. Dieses nach außen öffnen hilft bedingt. Die Hauptaufgabe der Suche nach meiner inneren Mitte liegt jedoch bei mir, gedanklich und durch das Fühlen. Ich suche immer wieder neue Türen, neue Wege. Momentan empfinde ich das als sehr mühevoll. Trotz des Sonnenscheins, der Wärme draußen und den gelegentlichen guten Momenten, da die innere Müdigkeit spürbar ist. Aber ich bleibe dran. Irgendwie. Und versuche mich ins Gleichgewicht zu bringen, auch wenn gerade vielleicht Schieflage herrscht. Vielleicht mag es mir ja helfen, wenn ich mir ab heute für jeden Tag etwas ausdenke und mir vornehme, auch wenn es nur eine viertel Stunde Zeit in Anspruch nehmen wird? Wenn es etwas abgekühlt ist eine kleine Runde spazieren, oder nach der Arbeit direkt irgendwo an ein kleines Flüsschen sitzen? Ich glaube, der Plan hört sich ganz gut an. Und ich bin gespannt, inwiefern ich es umsetzen werde. Ohne Druck, ohne das Gefühl gescheitert zu sein, wenn ich mich dann ab und an doch nicht dazu aufraffen kann. Aber mit dem Vorsatz, es durchzuführen.