google-site-verification=-UgRHQ8wj0fm7xzZB-RVR0oR456EBS1jG8-927xuFjk
 

RESET – ODER DIE SUCHE NACH DEN EIGENEN KRÄFTEN

Text: Iris Pfister

Wir alle erleben das von Zeit zu Zeit…Dass wir Dinge in Frage stellen, uns von Situationen überfordert fühlen, zu zweifeln beginnen. Und wenn es ganz dumm läuft, kommt vieles zusammen, was man dann plötzlich in Frage stellt. Das kann ganz schön überfordern, vielleicht auch verletzen, unsicher machen. Die Zeit, die wir gerade erleben, wirkt sich darauf nicht unbedingt förderlich aus. Das Leben mit der Pandemie, was viele von uns unsicher macht, weil wir das zuvor noch nie erlebt haben. Auch wenn man sich an das eine oder andere inzwischen gewöhnt hat, ist es doch noch immer weit entfernt von unserer früheren Normalität. Besorgniserregende Nachrichten über die verehrende Hochwasserkatastrophe, die so viele Menschen im Chaos, Verlusten und mit Existenzängsten zurücklässt. Wir alle fühlen mit, sind entsetzt, können nur bedingt helfen und unterstützen. Denn eigentlich ist klar, dass es ganz tiefe Wunden, Sorgen und Nöte hinterlässt, die auch mental müde machen können. Dass nicht nur die unzähligen helfenden Hände vor Ort beim Aufräumen und Wiederaufbauen gebraucht werden, sondern auch immer wieder Menschen, die Mut zusprechen. Zuhören. In den Arm nehmen. Versuchen, die seelischen Kräfte wieder zu stärken. Das wird auch längerfristig nötig sein, denn das, was die Katastrophe hinterlässt, sind tiefe Spuren. Können auch Ängste und Trauma auslösen.

Waldbrände in Europa, die wir in den Nachrichten sehen. Eigentlich weit weg, so dass es uns kalt lassen könnte. Und doch gibt es uns zum Denken auf, können wir mitfühlen mit den Menschen, die ihr Hab und Gut in Flammen aufgehen sehen. Erneut große Unruhen oder Umbruch in verschiedenen Ländern. Wir erleben in den letzten Monaten so viel an Veränderung, an plötzlich hereinbrechenden Gegebenheiten und Situationen. Das macht etwas mit uns. Und all dies sind äußere Einflüsse. Wenn wir uns stabil fühlen, können wir besser damit umgehen. Es mit Abstand betrachten. Sind wir selbst in unserer eigenen Situation jedoch in einer Unruhe, in einem Umbruch, in Instabilität, dann braucht es ab und an eine Art Schutzfunktion. Ganz unabhängig davon, braucht es immer wieder Zeiten und Momente, in denen wir gezielt für uns selbst sorgen, schauen, was uns guttut.

Ich habe im letzten Jahr oft die Nachrichten nicht mehr angeschaut. Aus Selbstschutz. Weil ich merkte, dass es mir schwerfiel, mit der Situation klarzukommen. Sich eine Depression anbahnte. Ich das Thema zwar ernst nahm und nehme, die Panik drumherum für mein Gefühlsleben jedoch überfordernd war. Ich habe jedem seine eigene Meinung dazu gelassen, bin ganz selten nur in eine der unzähligen Diskussionen um mich herum eingestiegen, sondern habe mich lieber davon entfernt. Aus Schutz meines Selbst. So kann ich auch schauen, was ich lesen möchte. Was mich stresst, kann ich zum Beispiel auf Facebook so einstellen, dass ich es gar nicht zu lesen bekomme. Auch wenn es mir manchmal leidtut, dass dadurch auch eine gewisse Entfremdung von Menschen, die ich sehr mag, entstehen kann. Aber ich habe gemerkt, wie mich das ansonsten total unter Stress gesetzt hat. Nein, es ist kein Ignorieren gewisser Dinge und Tatsachen, es ist eine Schutzfunktion. Das eigene, kritische Hinterfragen findet ja dennoch statt, das passiert aber im Inneren für mich selbst.

Ich weiß nicht, ob es am älter werden liegt oder daran, dass der Tod meines Sohnes mich vieles anders sehen lässt und mich für so manches empfindlicher gemacht hat. Ich brauche inzwischen länger, um mich auf gewisse Dinge einstellen zu können. Ich brauche seither viel mehr Sicherheit um mich herum. Viel mehr konstante Abläufe, da mich Ungeplantes viel schneller aus dem Tritt bringt als davor. Mich schneller straucheln lässt. Schutzmauern sind einfach dünner geworden. Eigentlich sah ich mich immer als Kopfmensch, doch inzwischen weiß ich, dass da ganz furchtbar viel Fühlen und Verletzlichkeit unter der Mauer liegen. Und sich das durch die Risse der Schicht ganz schnell einen Weg an die Oberfläche bahnen kann.

Dass ich manches versuche auszublenden bedeutet nicht, dass ich auftretende Schwierigkeiten ignoriere. Dies sind dann zusätzliche Faktoren, die eine Auseinandersetzung mit Situationen fordern und notwendig sind. Und so ergibt es sich für die meisten von uns von Zeit zu Zeit, dass wir manches in unserem Leben überdenken. Uns die Frage stellen, in welche Richtung wollen wir gehen. Passt das, was wir tun, für uns gerade eigentlich noch. Oder ist es an der Zeit, über eine Veränderung nachzudenken, eine Veränderung mitzugehen. In stabilen Zeiten ist das einfacher, für mich zumindest. Im Moment ist ganz viel auf einmal. Und nichts fühlt sich wirklich stabil an. Wenn der Druck auf der Arbeit immer größer wird, man nicht weiß, wie lange man das so mitgehen kann. Im privaten auch über das eine oder andere nachgedacht wird, ob es gut ist, wie es ist, oder eine Veränderung braucht. Ob und wie etwas in der Vereinsarbeit umstrukturiert werden sollte, um den optimalen Weg für jeden zu finden. Und der Körper gleichzeitig Signale sendet. Ich weiß, dass es nun and der Zeit ist, gezielt nach mir zu schauen. Auf mich achtzugeben. Selbstfürsorge zu betreiben. Ich bin da eigentlich ganz schlecht darin und tue mich schwer damit. Aber es macht ja Sinn, dies zu tun. Denn nur so kann man wieder Kraft tanken, Ressourcen auffüllen, den Kopf klarer bekommen. Jeder von uns sollte immer wieder mal schauen, was man braucht und was einem gut tut. Und das auch einzufordern. Welche Mittel uns dafür zur Verfügung stehen, ist unterschiedlich und zweitrangig. Dass wir sie suchen, finden und nutzen, darauf kommt es an. Ich werde meinen eigenen Reset-Knopf drücken. Und zum ersten Mal, seit es TREES of MEMORY e.V. gibt, während meinen paar Tagen Auszeit am See und in den Bergen alle Mails weiterleiten und nicht selbst antworten. Denn ich bin ja nicht allein. Dinge liegen lassen, die keine dringende Antwort benötigen, und in diesen Tagen nicht darauf reagieren. Das habe ich noch nie so gemacht. Jetzt aber braucht es die totale Auszeit, die Ruhe vor allem. Jetzt braucht es das Auftanken, das Kräfte sammeln, ohne nebenbei gleich wieder welche davon zu verbrauchen. Ich werde am See spazieren gehen, und wahrscheinlich werden dabei Erinnerungen hochkommen. An meinen Sohn, der diesen See so geliebt hat und schon in ganz jungen Jahren mutig allein mit dem Zug die vielen Kilometer dorthin zu seiner Tante fuhr. Der Fische mit dem Netz fing, Steine sammelte und die Zeit genoss. Ich bin mir sicher, er wird bei mir sein. Nicht nur durch meinen schönen Stein, der mich begleiten wird. Wenn ich dann vielleicht auch mal ein Tränchen verdrücken werde, dann weiß ich trotzdem, dass das okay ist. Weil ich auch lächeln können möchte, wenn dann all die Erinnerungen wieder wach werden. Wenn ich dann in den Bergen irgendwo oben auf dem Gipfel stehe, dann möchte ich atmen können. Die Stille regelrecht hören können, mich dem Himmel nah fühlen. Kraft tanken… das bedeutet das für mich. Auch da weiß ich, wird er mir nah sein. Mich begleiten. Mir ist bewusst, dass, egal wo ich bin und wo ich hin flüchten würde, dass mein Kind dabei ist. Mein Schmerz ist dabei. Meine Sehnsucht und das Vermissen, es ist dabei. Und ich kann nicht davonrennen. Es gibt keine Flucht, es gibt lediglich die Akzeptanz, dass all dies nun Teil von mir ist, so wie es die Liebe zu meinem verstorbenen Kind ist. Auch die Liebe zu meiner Tochter, deren Gegenwart mich immer wieder strahlen lässt, ist Teil von mir. Auch sie habe ich in Gedanken bei mir, wenn ich in meiner Auszeit bin. Die Auszeit weite ich aus, auf das Beheben gesundheitlicher Problemchen. So steht gleich danach eine OP an und anschließende Regeneration davon. Alles in einer eher schwierigen Zeit, da ich schon jetzt merke, wie der bevorstehende Geburtstag meines verstorbenen Kindes meine Mauern noch dünner werden lässt. Ich bin nun gesund egoistisch. Schaue, was mir guttut. Ich werde die Augen offenhalten, was ich an Schönheit der Natur, im Großen und im Kleinen, um mich herum entdecken werde. Möchte empfänglich sein für das, was mir ein Lächeln schenken wird. Ich nehme Abstand von Arbeit und Pflichten. Nur das Nötigste, der Rest kann warten…

Es geht auf RESET… um gestärkter zurückzukommen, um die anstehenden Dinge wieder mit gesunden Kräften durchführen zu können.