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LICHT UND SCHATTEN - ODER WENN DAS GRAU DER HOFFNUNG AUF LEBENDIGKEIT WEICHT


Ich sitze hier und kann durch das Fenster sehen wie die Sonne hinter dem Hügel nach oben steigt. Der Streifen eines einzelnen Fliegers glitzert am Horizont und malt dort sein Muster. Ein Vogel zwitschert einsam sein Lied da draußen. Das gefrorene Gras wartet darauf, von der Sonne gewärmt zu werden, um wieder im Grün zu strahlen.

Heute wird ein guter Tag. Nicht, will ich etwas Besonderes vorhätte. Sondern deshalb, weil es draußen ein klitzekleines bisschen nach Frühling ausschaut. Und deshalb, weil ich es wahrnehmen kann. Die letzten Monate dieses lähmende Einheitsgrau, welches sich auch auf mein Gemüt gelegt hatte. Nur abends ab und an grandiose Färbungen am Himmel, die viel zu kurz andauerten, bevor die Sonne ganz verschwand.

Vergangenes Wochenende war ich mit meiner Familie in der kurzen Auszeit. Während alle auf den Brettern standen und die Berge hinunterfuhren, genoss ich die Zeit dort oben sitzend und tankte Sonnenstrahlen. Oder machte mich auf einen Spaziergang durch den Schnee auf. Oben am Gipfel, wo man nur noch Weite ausmachen kann, jeden Gipfel der anderen Berge erkennt, niemanden um sich herum sieht und ganz bei sich selbst ist. Ich hatte mich das erste Mal seit längerer Zeit wieder bewusst wahrgenommen. Am letzten Tag fuhren die anderen bis zum Nachmittag Ski, so dass ich die Zeit nutzte, um unten im Tal zu laufen. Das Geräusch des harschen Schnees unter den Stiefeln lief ich los, bewusst schauend, was mir am Wegesrand begegnet. Der kleine Wasserlauf mit den tief gefrorenen Grashalmen brachte mich immer wieder in Versuchung, dort nach schönen, flachen Steinen zu suchen. Ich ließ sie dennoch dort drin liegen, im eiskalten Wasser. Warum ich nach ihnen Ausschau hielt, hat zweierlei Gründe. Normalerweise bringe ich immer einen weiteren Stein mit nach Hause, um diesen auf das Steinmännli am Grab meines Sohnes zu setzen. Als Zeichen, dass ich mit meinen Augen nun die Welt für ihn entdecke. Weil er irgendwie auch immer dabei ist, auch wenn er das nie wieder wirklich sein wird. Er hat dort jedoch schon einen tollen Stein aus dem Montafon, also ist es nicht so schlimm, wenn diesmal kein neuer dazukam. Zudem sollte ich mich in der nächsten Zeit immer wieder auf die Suche nach guten Steinen machen, da wir diese für unser Wochenende für Trauernde benötigen. Und ich etwas für mir selbst mit den Steinen in Verbindung bringen möchte. Eine Gegend, eine Situation, eben Momente, die mir guttaten. Es sollen keine wahl- und gedankenlos gesammelten Steine sein. Das wird mir zudem helfen, mich aus meiner Komfortzone der eigenen vier Wände nach draußen zu bewegen. Denn noch immer fällt mir das schwer.

Die 3 Tage Auszeit war nötig und wertvoll, die Zeit mit meiner Familie wie ein Geschenk. Die Erholung begann gerade erst ein wenig einzusetzen, als es schon wieder zurück nach Hause und in den Alltag ging. Die getankte Energie war schneller weg als sie kam. So werde ich wohl nun immer wieder versuchen, mir einen Tag der Auszeit zu verschaffen, damit ich wieder mehr und länger bei Kräften bleiben kann.

Vor vier Wochen starb eine liebe Freundin, ganz unerwartet. Das hatte mich ziemlich aus der Bahn geworfen, Tränen und Schmerz hinterlassen. Ich weiß, ich werde sie immer vermissen. Die gemeinsam verbrachten Zeiten in den letzten 25 Jahren hüte ich wie ein Schatz in meinem Herzen. Ihr Lachen, ihre Art, ihr Wesen, es wird mir unheimlich fehlen. Die Tage und Wochen nach ihrem Tod waren eine Gratwanderung zwischen Trauer und Tränen und dem dennoch nach vorne gehen. Denn die Arbeit im Job sowie die im Verein geht ja weiter. Das hat ganz schön viel Kraft gekostet. Tut es noch immer.

Wenn wir im Verein vieles erarbeiten, neue Teams für Projekte bilden und diese voranbringen, lebendig sind und nach vorne schauen, dann ist das der Balsam für meine Seele. Auch wenn dennoch ab und an die Zweifel an mir nagen. Wird das Wochenende für Trauernde nach Suizid im Juli so, wie wir es uns vorstellen? Melden sich genügend an und wird es die Teilnehmer ansprechen? Letzteres, dabei bin ich mir nun eigentlich schon sicher. Denn ich weiß um das Engagement und Fähigkeiten des Teams, welches das Wochenende begleitet. Weiß, wie viele Gedanken wir uns dazu gemacht haben, was wir planen und wie schon Monate im Voraus gesammelt, organisiert und besprochen wird. Und vertrauen darauf, dass im Sommer auch die Pandemie keine Pandemie mehr sein wird, sondern uns allen mehr Raum von Leben und der Normalität aufzeigen wird. Bis dahin arbeiten wir fleißig im Hintergrund, um ebenfalls dafür bereit zu sein, wenn es möglich sein wird, die Prävention an Schulen durchführen zu können. Auch die nächsten Baumpflanzungen gehen organisatorisch in die letzte Phase. Genug zu tun also. Genau dafür braucht es Energie und Engagement. Nicht nur von mir, sondern von so vielen, die bei den verschiedenen Dingen mitwirken. Es lässt mich gleichzeitig dankbar werden. Und erfreut mich. Denn es ist nicht selbstverständlich was wir tun, was alle hier tun. Gleichzeitig ist es so wertvoll. Ich merke, ich bin nicht allein. Es sind Teams, es ist ein Verein. Und alles ergänzt sich wunderbar. So wundervollen, großartigen Menschen begegne ich durch das alles. Im Verein und außerhalb. Das lehrt mich, auch demütig zu sein.

Noch bricht immer wieder etwas weg. Gesteckte Ziele, Pläne und Vorhaben. Kein Stand auf der Messe im April, die schon dreimal verschoben und nun abgesagt wurde. Aber hoffentlich dann eine im Oktober. Kein Konzert im Januar, das im März noch auf ganz wackeligen Beinen. Nichtsdestotrotz hatte ich mir in den vergangenen Monaten einige Konzerttickets für den Herbst gekauft. Weil ich einfach die Hoffnung nicht aufgeben möchte, dass alles einmal wieder normal wird, sofern das Leben für mich überhaupt normal sein kann. Diese andere Normalität, die ich mir so nie gewünscht hätte. Diese andere Normalität, welche ein Leben ohne meinen Sohn bedeutet. Im Leben wieder einen Platz finden, wenn alles auseinandergebrochen ist. Es braucht Zeit, viel Zeit. Und etwas, jemand, wird immer dabei fehlen.

Inzwischen ist die Sonne ganz über den Hügel gekrochen, hat die letzten Nebelschwaden vertrieben und lässt die Vögel erwachen, so dass ein regelrechtes Konzert aus Vogelgezwitscher vor meinem Fenster stattfindet. Ich kann das Blau am Horizont sehen. Gerade kann ich das Leben um mich herum wahrnehmen. Und merke, auch ich bin Teil davon. Manchmal ganz doll und manchmal ganz wenig. Aber da. Ich bin lebendig, auch wenn ich ab und an nicht mehr das Gefühl davon habe.

Heute ist ein guter Tag. Denn ich ahne den Frühling, der sich in der kommenden Zeit zeigen wird. Ich ahne das Leben, welches noch vieles für uns alle bereithält. Und hoffentlich werden es viele gute Momente sein, die uns dabei begegnen.