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ANSPANNUNG UND ERGRIFFENHEIT – ODER WAS BEGEGNUNGEN BEWIRKEN KÖNNEN


Nun herrschte also wochenlang eine Geschäftigkeit, Anspannung und dann doch auch die Vorfreude auf die Aktionstage. Bis zum letzten Tag der ersten Veranstaltung hin die Unsicherheit, ob wir wohl vor leeren Stühlen stehen, oder ob trotz den Abstandsregeln der Raum im Ansatz gefüllt und eine gute Atmosphäre aufgebaut werden kann. Es kamen alle, die sich angemeldet hatten… durchatmen… Noch vor der Autorenlesung kam ich mit einem Mann ins Gespräch. Der mir seine Geschichte erzählte, unsicher war, ob er die Lesung emotional durchstehen könne und der sich sicher war, auch danach noch jemanden zum Reden zu brauchen. Welch ein Vertrauen wurde uns da entgegengebracht, ich war also schon vor dem Beginn etwas berührt. Während ich mich mit dem Mann draußen unterhielt, hatte unser Mitglied Tina im Saal ein gutes, angeregtes Gespräch mit Uwe Hauck und dessen Frau. Für sie war es aus beruflicher Sicht interessant zu hören, wie andere Psychiatrien arbeiten und wie Uwe Jahre später rückblickend die Behandlungen und Therapien empfand.

Mittags fiel mir erst ein, dass ein paar Sätze niedergeschrieben und vorgelesen zur Begrüßung gar nicht so verkehrt wäre. Wer mich kennt, weiß, dass das dann oftmals am vergessenen Zettel oder, wie in diesem Fall am immer wieder schwarz werdenden Display am Handy (da Druckerpatronen leer und deshalb nichts in Papierform vorhanden) scheitert. Also doch mehr oder weniger frei von der Leber weg alle herzlich willkommen geheißen, kurz ein wenig über den Ablauf und die weiteren Veranstaltungen angekündigt, und dann den Gast Uwe Hauck vorgestellt. Ich bin mit Uwe seit ungefähr zwei Jahren immer wieder mal in Kontakt, und dass wir gerne die Autorenlesung mit ihm machen würden, war schon vor Corona klar. „Depression abzugeben- Erfahrungen aus der Klapse“ heißt das Buch, aus dem er den Zuhörern kurzweilig vortrug, meistens jedoch frei redend von seinen Erfahrungen und Erlebnissen erzählte. Es war ihm anzumerken, dass er froh ist, seinen Suizidversuch überlebt zu haben, auch wenn ihn immer wieder einmal der erneute Gedanke heimsucht. Seine Skills, die er für sich gefunden hat, wurden dem Publikum gegenüber auch genauer erklärt. Nein, wir saßen nicht nur gespannt zuhörend oder ergriffen da, wir hatten auch immer wieder Grund zum Schmunzeln und Lachen. Ganz ehrlich? Wie nennt ihr eure Depression? Habt ihr sie verbildlicht? Uwe Hauck hat es. Und dafür das Einhorn gewählt. Seine Leser wissen das. Die Wohnung voller geschenkter Einhörner, und das nicht nur bei meiner Tochter, die das als Spleen hat, sondern bei einem erwachsenen Familienvater. I love it…

Nach dem Vortrag/ der Lesung gab es zuerst eine offene Fragerunde. Dabei haben sich die Menschen schon geöffnet, vor allen von ihrer eigenen Problematik erzählt, fragten nach Lösungsansätzen. Das ist nur möglich, wenn sich diese Personen wirklich in einer Runde angenommen, verstanden und ernst genommen fühlen. Und genau diese Atmosphäre herrschte an diesem Abend, so unterschiedlich alle Anwesenden auch waren. Am bereitgestellten Büchertisch wurde danach noch etwas gestöbert, und einzelne Gespräche bahnten sich an. Mit Hinterbliebenen, die Angehörigen durch Suizid verloren, mit anderen, die psychisch belastet oder erkrankt und am Kämpfen sind. Tina hatte sich nun auch nochmals intensiver mit Uwe Haucks Frau austauschen können. Was hätte sie sich als Angehörige von den Kliniken gewünscht, was lief falsch, was war in Ordnung? Auch diese Wahrnehmung ist für Tina wichtig, um im Berufsleben eine noch bessere Basis schaffen zu können im Miteinander zwischen Arzt, Betreuung, Patient und Angehörigen. Die Lesung ging etwa 50 Minuten, die Gespräche danach fast doppelt so lange. Aussagekräftig genug. Die anschließende Frage an unser Team vor Ort „wie fandet ihr den Abend?“ war nicht passend. Wir haben uns gegenseitig gefragt „was hat dieser Abend mit uns gemacht?“, denn in jedem von uns ist da etwas bewegt worden. Es hat Eindruck hinterlassen. Bei den Zuhörern, bei uns, bei allen.

So richtig sacken lassen konnten wir das erst mal gar nicht, weil ja tags darauf schon unser Infostand in der Bad Mergentheimer Fußgängerzone aufgebaut werden musste. Eigentlich hatten wir kaum Leerlauf, meistens waren wir wirklich immer mit jemandem im Gespräch. Einige, die am Abend zuvor auf der Lesung waren schauten auch hier vorbei, und es ergab sich ein intensiver Austausch. Zum Beispiel wurde ein Kontakt intensiviert, so dass wohl im kommenden Jahr ganz gezielt an einer Schule unsere Suizidpräventionsarbeit durchgeführt werden kann. Manche schauten nur ganz interessiert, manche wollten Flyer der unterschiedlichsten Art und waren ansonsten weniger in Sprechlaune, manche kamen ganz gezielt auf uns zu, weil sie den Bericht in der Zeitung oder über Facebook vom Infostand gelesen hatten. Sogar von über 120 km Entfernung, was mich echt berührte. Und manche wollten uns von ihren Erfahrungen einfach so erzählen. Der Vater, dessen Tochter fünf Suizidversuche überlebt hat. Von seiner Angst damals, bei jedem Klingeln des Telefons. Nun sei sie über Jahre schon stabil und medikamentös gut eingestellt, Gott sei Dank. Er hat sie nie im Stich gelassen. Seine Worte haben uns berührt. Ein anderer Mann wusste von ganz vielen Suiziden der vergangenen Jahrzehnte zu berichten. In der Familie, der Nachbarschaft, oder von Leuten, die man „halt so kannte“. Und auch, dass die Kirchen die Suizidenten ja früher nicht einmal auf dem Friedhof beerdigen ließen. Er habe gelesen, dass es da nun sogar einen Gedenkgottesdienst gäbe. Und konnte das zuerst gar nicht mit dem Plakat in Verbindung bringen, welches vor ihm hing. Es freute ihn dann zu hören, dass wir das mit der Kirche gemeinsam veranstalten würden. Die Zeit verging wie im Flug an diesem Nachmittag. Aber irgendwie waren wir dann auch ganz schön platt. Denn dieses Jahr hatte ich keine Unterstützung der anderen regionalen Beratungsstellen, da entweder krank oder im Urlaub. Und auch unseren Mitgliedern aus der Region war ihre Auszeit von Herzen gegönnt. So war ich mit Tina gemeinsam am Stand, was auch ausreichend war. Für sie waren es die ersten offiziellen öffentlichen Auftritte mit TREES of MEMORY e.V. Und auch bei ihr hat es Eindruck hinterlassen. An unserem Ruhetag zwischen den Veranstaltungen habe ich sie gefragt, was sie davon mitgenommen hat. Sie hat es gut in Worte fassen können: „Durch die letzten beiden Tage habe ich schon einen neuen „Blickwinkel“ zu den Themen Depressionen und Suizidalität bekommen. Tiefgründige Gespräche mit an Depressionen Erkrankten, deren Angehörigen, mit Hinterbliebenen nach Suizid oder auch einfach nur an diesen Themen interessierten Menschen machten die letzten Tage sehr besonders für mich. Von Betroffenen erfuhr ich positives und negatives zu Hilfsangeboten, Klinikaufenthalten und noch viel mehr. Auch, wie es besser laufen könnte in Kliniken sowie Therapien tauschten sich die Menschen, denen ich bei den Aktionstagen begegnete, mit mir aus. All dies kann ich sicherlich versuchen, in meinem Berufsalltag nun besser zu berücksichtigen.“ Ein Gespräch hatte Tina dann noch besonders berührt. Sie führte es mit einer älteren Dame, die über die Presse vom Infostand erfuhr und deshalb zu uns kam. Dafür extra noch einen Brief in die Handtasche steckte, der ihr am Herzen lag. Gab ihn Tina zu lesen. Sie erzählte von ihren Sorgen um ihren Pflegesohn. Wie schwer sie darunter leidet, wenn durch seine Depression oftmals wochenlang kein Kontakt zu ihm möglich ist. Tina konnte ihr im Gespräch etwas Mut machen. Und vielleicht kommt diese Dame auch zu unserem Gedenk- und Mut-mach-Gottesdienst, wir werden sehen…