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AKZEPTANZ DER VERÄNDERUNG – ODER GEDENKEN DEM, WAS WAR UND ERKENNEN, WAS NUN IST


Wir alle haben sicherlich schon die Erfahrung gemacht, dass wir uns überfordert fühlen. Zu viel Arbeit, zu viele Termine, so viele To Dos auf unserer Liste. Oder konnten damit recht gut klarkommen, und plötzlich geht das nicht mehr, weil Trauer und Vermissen zusätzlich doch auch ganz viel Kraft kosten. Es kann passieren, dass wir uns deshalb fühlen, als ob wir der Welt nicht mehr gerecht werden könnten. Uns selbst als wertloser empfinden. Die Ansprüche an uns selbst so hoch gesetzt, weil es ja bisher auch funktionierte. Und nun scheint es nicht mehr möglich, diese zu erfüllen. Ich selbst kämpfe auch immer wieder einmal damit. Vor allem zu Zeiten wie diesen, wo die Welt oft in das dicke, zähe Nebelgrau gehüllt ist und die Kälte draußen immer stärker wird. Da fehlt viel häufiger die Energie als in den Sommermonaten. Ich muss aufpassen, dass die Gedanken nicht zu trübe werden. Mir immer wieder sagen, dass es okay ist, manches auch mal nicht sofort zu erledigen. Solange es mir gelingt, Dinge sich nicht auftürmen zu lassen, so dass der Berg mich zu erschlagen droht. Ein Mittelmaß finden. Sortieren, was wirklich wichtig und dringend ist, was etwas warten kann und was eigentlich nur ein selbst auferlegtes Topping des Ganzen wäre und gar nicht nötig wäre. Ich musste es erlernen. Oder bin eigentlich noch dabei, es gelingt mir jedoch schon etwas besser. Und hey, ich bin deshalb nicht wertloser, wir alle sind es nicht, nur weil wir manches nicht mehr so können wie wir es gewohnt waren. Der Tod meines Kindes war ein bitterer Lehrmeister. Denn plötzlich ging erst einmal gar nichts mehr. Die kleinsten, alltäglichen Dinge kräftezehrend. Einkaufen, das Essen zubereiten, die Wäsche machen; alles fühlte sich wie ein Marathon an. Damals hatte ich gar nicht mehr den Anspruch an mich selbst, alles prima auf die Reihe zu bekommen und alles im Alltag ganz locker stemmen zu können. Da ging es um das nackte Überleben. Um das Aushalten des Schmerzes, der mich innerlich zu zerreißen schien. Ich hangelte mich von Stunde zu Stunde, von Tag zu Tag. Einen weiteren Tag überlebt, eine weitere Woche… ohne zu wissen wie und für was eigentlich. Erst nach und nach, Monate und Jahre später, gelang es mir, mir auch ganz bewusst wieder etwas vorzunehmen. Die Umsetzung war manchmal etwas holprig. Gelang nicht immer.

Ich wusste, dass viele mein altes ICH vermissten. Manchmal fühlte ich mich deshalb schuldig, da ich selbst es ja auch vermisste. Mir war jedoch klar, dass ich dieses ICH nie wieder erlangen könnte und mich von meinen eigenen Ansprüchen an mich selbst verabschieden musste, um mein jetziges Leben zaghaft annehmen zu können. Ich bin immer noch ich, aber eben anders. Vieles von dem, was früher wichtig erschein, ist nun unwichtig geworden. Und anderes, worüber ich mir früher nie Gedanken gemacht hätte, erscheint mir wichtig. Klar, ich habe mich vor dem Tod meines Sohnes schon mit dem „Thema“ Depression auseinandergesetzt. Nur am Rande und, mit dem jetzigen Blick, wohl ziemlich laienhaft. Mir selbst zu verzeihen, dass ich dies nicht schon viel früher und viel intensiver gemacht habe und möglicherweise dadurch meinem Kind viel mehr Unterstützung hätte sein können, das war ein langer Prozess. Und manchmal glaube ich, dass der Prozess noch nicht ganz abgeschlossen ist. Da kommen auch nach sechseinhalb Jahren noch die Selbstvorwürfe auf. Und nun ist dieses Thema mein täglicher Begleiter. Seelische Erkrankungen, Suizidalität und Suizid. Tagtäglich ist mir bewusst und ist es in meinem Kopf, dass mein Kind darunter litt und seinen Kampf verloren hat. Manche mögen glauben, dass es besser wäre, wenn ich mich nicht so sehr in diesem Bereich engagieren würde. Dass ich dann „mehr am Leben“ teilnehmen könnte. Für mich ist dies nun jedoch mein Leben. So gelingt es mir zumindest zum größten Teil, meiner inneren Ohnmacht zu entgehen. Ich kann dadurch etwas bewirken, auch für mich. Und nein, deshalb denke ich nicht öfters an mein Kind. Die Gedanken an ihn wären so oder so da. Mein Vermissen lässt sich jedoch so besser aushalten. Es gibt mir die Kraft, um überhaupt weiterzumachen. Auch wenn ich mich manchmal kraftlos fühle. Ausgebrannt und müde. Vom Alltag, vom Leben. Ich versuche, meine Ansprüche an mich selbst so anzupassen, dass ich ihnen gerecht werden kann. Und nicht mehr mich den zu hohen Ansprüchen anzupassen, denn das wäre zum Scheitern verurteilt. Was ich aber auch versuche ist, mir selbst kleine Oasen zu erschaffen. In denen ich Kraft tanken kann. Oder die nötige Ruhe finde. Auch einmal Nein zu sagen, wenn mir etwas nicht möglich ist oder zu viel erscheint. Ab und an um Hilfe und Unterstützung zu bitten, wenn ich das Gefühl habe, dass es mich allein überfordern würde. Etwas, was mein altes ICH nicht so getan hätte. Müssen wir der Welt etwas beweisen? Oder sollten wir nicht lieber uns selbst gerecht werden? Wir dürfen uns von manchem verabschieden. Von Dingen, die uns nicht guttun. Wir dürfen das eine oder andere überdenken. Schauen, wie wir etwas verändern können, um dem Druck wieder gewachsen zu sein. Nicht alles lässt sich verändern. Deshalb braucht es die Akzeptanz, dass manches in unserem Leben wohl so bleiben wird wie es ist und die Fokussierung auf das, wobei wir selbst eine Veränderung vornehmen können.

Nun ist bald Allerseelen. Zwar ist Allerheiligen der Feiertag in den katholisch geprägten Bundesländern, in denen die Gestecke auf den Gräbern niedergelegt und den Verstorbenen gedenkt wird, ursprünglich wird jedoch den Heiligen gedenkt und am Tag darauf, an Allerseelen, den Verstorbenen. Auch ich werde meinem Kind das selbstgemachte Gesteck aufs Grab legen. Einen „Feiertag“, um ihm zu gedenken braucht es für mich aber nicht. Ich tue das tagtäglich. Er ist immer bei mir, in meinen Gedanken, in meinem Herzen. Und durch meine Arbeit bei und mit TREES of MEMORY e.V. wahre ich für mich selbst sein Andenken. Ich glaube, dieses Jahr werde ich nicht nur für ihn das Gesteck an sein Grab bringen. Sondern auch für mein altes ICH. Das, welches ich mit seinem Tod verloren habe. Ja, manchmal trauere ich diesem ICH schon noch nach. Dieses neue ist jedoch inzwischen auch okay. Auch mit weniger Energie und weniger „funktionieren können“. Mit traurig sein und Tränen zulassen können. Nur wenn ich auch das zulasse, kann immer wieder auch mal ein Wohlfühlmoment, ein Lächeln und auch die Akzeptanz meiner selbst bei mir einziehen. Denn beides bin ich. Das traurige, vermissende, kraftlose Wesen, das, welches sich sagen darf „heute geht es nicht, morgen versuche ich es wieder“, wenn etwas zu viel erscheint. Und das Wesen, welches ab und an auch mit sich im Reinen sein darf und kann, lächeln kann und sich lebendig fühlt. Das bin ich nun… das Alte ist begraben. Wir müssen nicht immer „machen können“. Wir dürfen auch mal „nicht machen können“. Es heißt ja nicht, dass es sich nie wieder ändern wird. Was wir brauchen, ist die Geduld mit uns selbst und das Eingeständnis, dass es eben in diesen Phasen so ist wie es ist. Denn wir sind okay so, wie wir sind. Egal ob gerade kraftlos, mutlos, traurig und müde. Es kann und darf sich wieder ändern. Erzwingen können wir es nicht, aber ganz behutsam dafür sorgen, dass wir die nötigen Auszeiten für unsere Seele erlangen, um wieder zu Kräften zu kommen. Wieder mutiger, energiegeladener, hoffnungsvoller zu werden. Die Auszeit für die Seele… Zeit zum Atem schöpfen. Ich werde mir nun Gedanken machen, welche Dinge mir diese Auszeiten bringen könnten. Kleinigkeiten, die mir guttun können, die erreichbar und umsetzbar sind. Ein gutes Buch, der Tee bei ruhiger Musik und der Gedankenreise an einen schönen Ort, oder die Mütze voll extra-Schlaf? Oder doch ein paar Schritte draußen zu wagen, auch wenn es kalt und trübe ist? Der Besuch in einer Therme oder auch bei einer Person, die einem am Herzen liegt? Was auch immer guttut… aufschreiben auf die Liste und diese in Reichweite liegend haben, so dass ich sie sehe, falls ich vergesse mir Gutes tun zu dürfen. Wir dürfen uns erlauben, nach uns selbst zu schauen. Tust Du es auch?