Der Mann, der Bäume für die Toten pflanzt

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Begonnen hat alles mit der Liebe. Als Jürgen im Sommer 2014 zum ersten Mal durch die Tür kommt, verliebt sich Mario Dieringer in ihn.

 

„In seinen Armen stand für mich die Welt still“, sagt er, „bei niemandem zuvor habe ich mich so ruhig gefühlt.“ Mario Dieringer fühlt sich angenommen wie nie zuvor in seinem Leben. Dass Jürgen unter Depressionen leidet, wird ihm schnell klar. „Ich habe gemerkt, dass er nachts nicht schlafen kann. Das kannte ich schon von mir selber.“

Zwei Menschen, die beide immer wieder depressive Phasen durchleiden, haben einander gefunden. Fast zwei Jahre bleiben sie zusammen. Ostern 2016 nimmt sich Jürgen in Frankfurt am Main das Leben. 

 

Der Tod seines Partners ist ein Ende und ein Anfang für Mario Dieringer, heute 51 Jahre alt. Jürgens Tod hat das Leben beendet, das Dieringer kannte. Und er schickt ihn jetzt auf eine Mission. Dieringer wird sich von Frankfurt aus auf eine Weltreise machen, um Geschichten zu sammeln. Geschichten von Menschen, die Suizid begangen haben, Geschichten von den Menschen, die damit fertig werden müssen, dass Eltern, Partner, Kinder oder Freunde ihr Leben beendet haben. Ostern wird Mario Dieringer starten. Zu Fuß. Weil Trauer Zeit braucht. Weil das Zuhören Zeit braucht. Und weil das Gehen guttut.

 

„Ich habe Glück gehabt“, sagt Mario Dieringer, grau melierter Bart, wacher Blick. Seit Jürgen tot ist, hat er viele Geschichten gehört von Menschen, die ihre Liebsten tot gefunden haben. Sie müssen mit der Abwesenheit dieser Liebsten fertig werden und auch mit den Bildern. „Ich kann Jürgen in Erinnerung behalten, wie er gelebt hat und wie ich ihn geliebt habe“, sagt Mario Dieringer. Es klingt nach Demut. Schwarze Phasen.

Sommer 2014. Jürgen ist Ingenieur, Mario Dieringer arbeitet als Medientrainer. Sie kochen und essen gerne gut, fahren zusammen in Marios Garten am Rande von Frankfurt, feiern Grillfeste mit Freunden. Als Mario ganz am Anfang ihrer Beziehung in einer schwarzen Phase versucht, sich mit Tabletten das Leben zu nehmen, ist Jürgen rechtzeitig da und ruft den Krankenwagen.

 

„In den ersten Monaten danach wäre ich fast eingegangen“

 

Mario Dieringer macht eine Therapie, die Liebe zu Jürgen gibt ihm neuen Lebensmut. Er versucht, auch Jürgen dazu zu bewegen, sich helfen zu lassen. Eine Zeit lang gelingt das, Jürgen bekommt Medikamente und kann wieder schlafen. Er fühlt sich besser. Doch immer wieder setzt er die Präparate ab und bekommt heftige Depressionen. „Das hat mich so wütend gemacht, dass er sich nicht hat helfen lassen“, sagt Mario Dieringer, „aber Depression hat so viele verschiedene Gesichter, ich vermute, dass es einfach Teil dieser Depression war, dass er es nicht konnte.“ 

 

Das Zusammenleben ist nicht immer leicht, oft streiten sich die beiden, immer wieder über den Umgang mit den Depressionen. Mario Dieringer braucht ein paar Tage Abstand, fährt Ostern 2016 nach Berlin und stellt sein Telefon aus. Jürgen bleibt in Frankfurt am Main und begeht während Marios Abwesenheit Suizid. Die vielen verpassten Anrufe und SMS-Nachrichten auf dem Smartphone sieht Mario Dieringer erst danach. „In den ersten Monaten danach wäre ich fast eingegangen“, sagt er. Nachts schreckt er hoch und hat das Gefühl, dass sein Partner auf dem Bett sitzt. Jeden Morgen wacht er genau zu der Zeit auf, zu der Jürgen sich von ihm verabschiedet hat, bevor er zur Arbeit gefahren ist.

 

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