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  • Iris

BEGEGNUNGEN DER BESONDEREN ART – ODER WAS MEIN INNERES BEWEGT




Momentan ist vieles in Bewegung. Und auch so manches im Stillstand. Noch kann ich es nicht wirklich greifen, was das alles mit mir macht. Auf der einen Seite Enttäuschung, weil zum Beispiel die Messe in Hochheim nun auch nicht am zuerst auf September verschobenen Termin stattfinden kann, auf der anderen Seite die Freude auf das Seminarwochenende unserer Paten der 1. Anlaufstellen, welches zum Glück Anfang Juli abgehalten wird. Noch immer das Hoffen und Warten, ob zumindest die Messe LEBEN UND TOD in Freiburg im Oktober stattfinden kann, noch immer die Enttäuschung, dass der Lauf von Mario in der Warteschleife hängt. Ein Ersatzteil, welches irgendwo gelandet ist, nur nicht bei ihm, hält alles auf. Bringt alles durcheinander. Planungen müssen umgeschmissen werden, Menschen, die ihn beim Wandern begleiten möchten, auf später vertröstet werden. Es bringt Frust, nicht nur bei Mario. Mit diesem Frust umzugehen ist nicht immer einfach, denn wenn man seinem Herzen nicht folgen kann, weil man gerade auf andere angewiesen ist, kann mürbe machen.

So haben wir nun etwas flexibler versucht zu handeln als ursprünglich geplant. Denn eigentlich wollte Mario schon längst zu Fuß Burgsinn durchquert und heute bei mir angekommen sein. Jetzt sitzt er noch immer in Coburg fest.

Damit zumindest die Planung in Burgsinn nicht allzu sehr durcheinander gewirbelt wird, haben wir beschlossen, dies dann doch per Zug und Auto zu erreichen (bevor Mario dann erneut hoffentlich bald zu Fuß dort sein wird), um die Familie zu besuchen für deren Sohn bereits von ihnen selbst ein Baum gepflanzt wurde. Auch dieser Baum ist nun in den grünen Ring der Erinnerungsbäume aufgenommen. Und es war eine Begegnung der besonderen Art. Nach dem ersten Baum in Frankfurt und unserem Baum der Erinnerung wohnte ich zum dritten Mal einer Zeremonie bei und hörte eine Rede von Mario. Und jede davon war einzigartig. Die Begegnung mit der Familie, die diesen Baum für ihren verstorbenen Sohn von Freunden geschenkt bekamen, sie bewegte mich. Und ich bin dankbar, dass ich dabei sein durfte. Ich traf auf zwei Menschen, die versuchen auf ihrem Weg der Trauer nicht in den Stillstand zu kommen. Die ihren Weg annehmen, auch wenn es manchmal noch so schwer erscheint und man zu zerbrechen droht. Zwei Menschen, die Hilfe suchten und auch fanden. Und die sich so gesegnet fühlen dürfen, diesen Freundeskreis zu haben, der nicht von der Seite weicht und sie annimmt, mit ihrem Schicksal, mit ihrer Veränderung. Warum mich das so bewegt hat? Weil es nicht selbstverständlich ist. Gerade in den letzten Wochen nahmen einige Menschen Kontakt zu unserem Verein auf, die Hilfe suchten. Einen Ansprechpartner brauchten. Um zwei Beispiele zu nennen: Ein Suizid, vor Jahrzehnten passiert, jedoch zur damaligen Zeit keine Möglichkeit für die Hinterbliebenen, sich mit irgendjemand auszutauschen oder verstanden zu werden. Oder jemand, der für sich selbst erst einmal den richtigen Weg finden musste und dann nach einigen Mails bereit war, sich professionelle Hilfe zu suchen. Auch der Austausch mit diesen Menschen hat etwas in mir bewegt. Sage oder schreibe ich das Richtige? Erreiche ich diese Person überhaupt und habe auch verstanden, was benötigt wird? Konnte ich irgendwie helfen?

Bei diesem Besuch nun hörte ich die Geschichte eines jungen Mannes. So viele Parallelen zur Geschichte meines Sohnes, und doch auch viele Unterschiede. Was meine Seele berührte, war sicherlich die Art, wie die Eltern die Erlebnisse erzählten. Offen, ehrlich, voller Liebe und auch mit Trauer. Zwei Menschen, die miteinander im Austausch stehen über das was sie fühlen, was sie denken. Auch wenn jeder von ihnen den Weg der Trauer allein gehen muss, so können sie sich dennoch gegenseitig tragen. Es ist nicht immer üblich, dass es genauso abläuft. Oftmals gehen die Hinterbliebenen ganz unterschiedlich mit ihrer Trauer um. Was zu Missverständnissen führt, zum Gefühl, nicht verstanden zu werden oder auch zur inneren Distanz. Hier habe ich das Gegenteil gesehen. Und das macht Mut. Was kann man den Hinterbliebenen raten, die das Gegenteil erleben? Die Hoffnung nicht aufgeben, Geduld zu haben, den anderen den Weg seiner Trauer gehen lassen, auch wenn er sich komplett vom eigenen unterscheidet. Immer wieder versuchen miteinander ins Gespräch zu kommen. Mitteilen, was man selbst empfindet. Ohne Vorwürfe. Wiedergeben, was man fühlt, wo man unsicher ist. Sich selbst preisgeben, ohne den anderen zu löchern. Denn oft tritt das Schweigen ein, weil man den anderen nicht verletzen will, nicht überfordern möchte. Wenn man aber mitteilen kann, was in einem selbst vorgeht, so hat der andere überhaupt erst die Möglichkeit sein Gegenüber zu verstehen. Wie fühlt sich meine Trauer an? Wie gehe ich damit um? Welchen Weg kann ich einschlagen? Wo fühle ich mich unsicher? Wobei habe ich Angst, den anderen zu verletzen? Erst wenn man sich selbst öffnet, können Missverständnisse ausgeräumt werden. Erst wenn ich selbst äußere, was ich empfinde, kann der andere es wissen. Denn auch wenn wir vielleicht zu wissen meinen, wie unser Partner, unser Kind oder unsere Eltern ticken, so wissen wir längst nicht alles. Und machen uns vielleicht deshalb selbst unnötig Druck, weil wir immer meinen, die Gedanken des anderen erraten zu müssen. Dabei liegen wir nämlich sehr oft falsch. Selbst wenn die Wege der Trauer noch so unterschiedlich sind, ist es wichtig, dem anderen diesen Freiraum zu lassen, ihn gehen zu dürfen. Zu akzeptieren, dass sich vieles in der Trauer gleicht, und doch jeder seine eigene Trauer zu tragen hat. Wichtig ist, den manchmal auch benötigten Stillstand dabei nicht zu lange werden zu lassen. Sonst lässt sich der Sinn, den jeder einzelne braucht, um überhaupt weiterleben zu können, nicht finden.



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